Mir kanns nicht open genug sein

Im November vergangenen Jahres hatte ich das Vergnügen, gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, in Berlin bei der Schlussveranstaltung des Open Mike. Bei diesem bekanntesten Literaturpreis werden junge, aufstrebende Künstler geehrt.

Manch einer kritisiert die um sich greifende Kommerzialisierung, die meisten der aufstrebenden Autoren sind gar nicht mehr so aufstrebend, sondern schon halb arriviert, aber was soll’s. Manchmal hört und erfährt man hier Spannenderes als Nebenan beim Büchner- oder Bachmannpreis.

Was bei mir aber dann doch immer wieder für Irritationen sorgt, sind die Laudatoren und, schon vorher, die Ankündiger (gibt’s hierfür nicht auch irgendeinen schicken lateinischen Begriff?) der jeweiligen Schriftsteller.

In bester Literaturkritikertradition werden da Phrasen gedroschen, dass sich die Redner beim Abfassen ihrer Texte bestimmt die Finger blutig geschrieben haben, so krampfhaft und irr lachend haben sie ihre Stifte umklammert. Stelle ich mir vor.

Die Phrasen sind wiederum exakt die gleichen wie in den Kritikerspalten in den Feuilletons – und so unglaublich hohl und gedehnt wie ein Gartenschlauch. Da werden dann Wörter seziert, ja sogar bis ins kleinste Detail. Ein anderer schreibt leichtfüßig Texte. Und der eine leistet sich keinen einzigen schiefen Vergleich – soll ja durchaus vorkommen.

booksBeschreibungen können nur minutiös sein, Texte entfalten Sogwirkung. Und der Sprachduktus ist – Achtung, mein absoluter Favorit und kein Witz – mal dringlich, mal kryptisch, aber immer charmant und immer souverän durchkomponiert“.

Anstatt messerscharfer Sprachakrobatik und die Verwischung narrativer Spuren (das mag ja sein) mache ich dabei eher ein anderes Phänomen aus, nämlich das des Sich-nur-keiner-Kritik-aussetzen-Wollens. Anstatt mal im Angesicht eines filigranen Sprachkunstwerks in anerkennendes Schweigen zu verfallen, behilft man sich mit einer – zugegeben – bewährten Sprache, der niemand etwas entgegensetzen kann, die aber aufgrund ihrer Unverständlichkeit ihre Anhänger nach und nach verlieren wird.

Das ist auch genau das Problem mit den Feuilletons vieler deutscher Zeitungen, die sich eher als elitäre Gentlemens‘ Clubs gerieren, anstatt mehr auf Nachwuchsrekrutierung zu setzen. Vor allem in Zeiten sinkender Auflagen wäre das geraten: Wer soll denn meine Zeitung noch lesen, wenn die alten Eingeweihten erst mal weg sind? Es gibt einige Wirtschaftsressorts, die hierzu besser imstande sind. Aber mit solchen platten Möglichkeiten will man sich gar nicht abgeben, empfindet das womöglich unter seinem Niveau.

Und im selben Maße, wie die neuen, aufstrebenden Autoren sofort von der Sprache und Maschinerie des Verlagswesens vereinnahmt werden, wird weiterhin Generationen von potenziellen neuen Lesern die Lust an der Literatur geraubt – anstatt sie langsam aufzubauen.

Bilder: Zwischenbild Lookin‘ behind me… Faith?! von Florian Seroussi (zugeschnitten und bearbeitet von mir, unter CC BY-NC-SA 2.0), Titelbild von mir

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