Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat

„So ein bisschen Bildung ziert den ganzen Menschen“, schrieb Heinrich Heine in seinen Reisebildern, die heutzutage natürlich in keinem bildungsbürgerlichen Haushalt in Deutschland fehlen dürfen (ähnlich wie die Bach-Büste auf dem Klavier oder der Klimt-Druck an der Wand). Spotten lässt sich zwar leicht, aber es ist auch was dran. Und sicherlich ist es auch schön und fruchtbar, wenn man mit anderen Menschen über das angelesene, -gehörte oder -gesehene Wissen sprechen kann.

 

Aber es passiert selten genug. Meistens kann man entweder die Bildung nicht anbringen oder man fühlt sich seltsam verloren inmitten ganzer Scharen hypergebildeter Viel-Leser. Lesen ist ein Teufelskreis. Wenn man Gefallen dran gefunden hat, wird man ohne Unterlass daran erinnert, dass man noch viel mehr lesen könnte. Über Literatur und ihre Geschichte Bescheid zu wissen, bedeutet in erster Linie zu wissen, welche Werke man eben nicht gelesen hat.

 

Wie aber damit in gebildeten Kreisen umgehen? Der kluge Student aus der letzten Reihe im Germanistik-Seminar hat Proust, Dante und Cervantes gelesen – und ordnet expressionistische Gedichte im Vorbeigehen in Zusammenhänge ein, die einem noch Minuten vorher selbst gar kein Begriff waren. Sich jetzt melden und fragen, wer die drei sind, und sich damit selbst der Lächerlichkeit preisgeben?

 

Der französische Literaturprofessor Pierre Bayard hat das Problem scharf erkannt und weiß Rat. In Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat (2013) – im Original Comment parler des lieux où l’on n’a pas éte? (2012)schreibt er, dass das „Lesen“ an sich nicht existiere, ja, schlicht unmöglich sei. Schließlich spreche man jeweils nur über seine eigenen, individuellen Vorstellungen eines Werks, die man beim Lesen entwickelt hat. Und unsere Vorstellungen sind notwendigerweise immer unterschiedlich. Letzten Endes ist es also egal, ob man ein bestimmtes Buch gelesen hat oder nicht.

 

Hurra! möchte man da rufen. Endlich kann man sich im intellektuellen Diskurs behaupten. „Proust? Ma oui! Intellektuell ansprechend, aber er ist kein Dostojewski. Seine Charaktere atmen einfach nicht!“ Etc. Bayards Buch ist jedoch mehr als nur Leitfaden für gesellschaftliche Konversation. Es listet keine trickreichen Sprüche auf, damit man im Rede- und Wissensduell ja nicht unterliegt.

 

Vielmehr stellt er ein ganzes System in Frage. Es sollte nicht im Fokus stehen, so viel wie möglich zu wissen – jegliche Versuche in diese Richtung sind eh zum Scheitern verurteilt. Das Sprechen über Literatur oder über Wissen im Allgemeinen sollte mehr sein als eine reine Inventur etwa der Schauplätze oder des Figurenarsenals eines Romans. So eine Bildung kann Heine sicher nicht gemeint haben.

 

Denn Bestandsaufnahme und -verwaltung sind zwar ehrliche und ehrbare Tätigkeiten, doch zieren sie eher nicht. Sich aus dem Bestand die individuell besten Teile herauszupicken erfordert weniger eiserne Disziplin als Lust und Kreativität.

 

Bild: The old library // CC BY-NC-SA 2.0

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