Zum Tod von Urs Widmer

Es war vor ein paar Jahren, vielleicht 2011 oder 2012, genau erinnere ich mich nicht mehr daran. Wir gingen raus, wie wir das immer so tun. Helga und Sybille waren dabei und Gregor hatte seinen Schokoladenkuchen mitgebracht, den er Mal für Mal immer wieder versucht an den Mann zu bringen, meistens jedoch vergeblich.

So oder so ähnlich beginnen die Romane Urs Widmers – meistens natürlich besser und nicht so vermessen, der Stil lässt sich ja schlicht nicht kopieren. Und doch würde man sich jetzt wünschen, dass es jemand könnte: Anfang April ist der Schweizer Schriftsteller im Alter von 75 Jahren in Zürich gestorben. „Sprachmagier“ oder „Wortzauberer“ wird er nun in den unzähligen Nachrufen genannt und irgendwie ist das auch sehr zutreffend.

Mir fällt jedoch zuallererst meine eigene und einzige Begegnung mit Urs Widmer ein. 2011 oder 2012 war es, auf dem Literaturfest in München. Im Hauptgebäude der Universität am Geschwister-Scholl-Platz wurde regelmäßig zu Podiumsdiskussionen mit acht bis zehn Personen geladen, darunter Schriftsteller, Literaturwissenschaftler oder auch nur erzürnte Vertreter verschiedener kultureller Verbände. Die Zukunft der Literatur, vorrangig der deutschen natürlich, sollte verhandelt werden, denn diese, so hörte man es allenthalben rufen, befinde sich am Abgrund. Langweilig und farblos sei sie, niemand traue sich mehr irgendetwas zu und teilweise sei dies für die armen Kritiker schwer zu ertragen.

Von den Literaten erhoffte man sich innerhalb von jeweils einer Stunde eine Lösung dieses Problems. Die Autoren ihrerseits fanden sich auf der Anklagebank wieder und sollten innerhalb von jeweils einer Stunde die deutsche Kultur rehabilitieren. Ein schwieriges, ja ein ummögliches Unterfangen – folglich war es nur verständlich, dass die Autoren auf Nebenschauplätze auswichen und sich mitunter selbst bekriegten. Der Tenor: Ich kann ja auch nichts dafür, aber immerhin mache ich die Situation nicht noch schlimmer wie etwa Kollege XY.

Darüber stand nun Urs Widmer. Sinnangebote wollte er nicht machen, auch keine Erklärungsversuche unternehmen. Stattdessen tat er das, was er am besten kann: ganz devot und simpel Erzählen. Mit Anekdoten machte er die schwierige Arbeit des Schriftstellers anschaulich. Ein Leser hatte beispielsweise den Verlag auf Schadensersatz verklagt, weil er sich als Hauptfigur eines Widmer’schen Werkes wiederfand. Um die Streitigkeiten beizulegen, musste der Autor den Vorwurf akzeptieren. Dabei war alles nur Zufall gewesen: „Heute kann ich es ja sagen: Ich kenne den Mann nicht!“

Widmer hatte Freude am Erzählen, das konnte man deutlich erkennen. Und die Witzchen und Schilderungen wuchsen über sich hinaus, sie wurden zur Antwort auf die fatalistischen Thesen der Literaturkritik. Sie machten deutlich, dass gegen die Verzweiflung an der mutlosen zeitgenössischen Literatur eben kein Kraut gewachsen ist. Keine Podiumsdiskussion und keine noch so große Anstrengung kann das Problem der Kritiker lösen, deren Tätigkeit ohnehin professionelle und institutionalisierte Unzufriedenheit verlangt.

Die Diskussion kommt immer schon zu spät und ist auch nicht der Ort für groß angelegte Rettungsprojekte, das hat Urs Widmer an diesem Tag gezeigt. Die Antwort lässt sich allein literarisch geben, mit immer neuen Geschichten, Erzählungen, Anekdoten und Wendungen. Unser Verlangen danach, die Nachfrage, ist ungebrochen hoch. Das Angebot jedoch ist nun, mit dem Tod des Schweizers, ein gutes Stück ärmer.

Bild: Urs Widmer 2012, bei der… Wikimedia Commons-User dontworry (unter CC BY-SA 3.0, zugeschnitten und bearbeitet von mir)

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