Was ist denn schon dabei?

Eigentlich sollte Baerentanz ja ein Literaturblog sein, das sich mit dem Wesen literarischer Texte befasst und versucht ihre Funktionsweise zu veranschaulichen. Manchmal produzieren aber auch Politiker Texte, die es verdienen, untersucht zu werden. Lorenz Caffier (CDU) hat gerade einen solchen abgeliefert. Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern war wohl beleidigt. Angesichts der Überlegungen, Edward Snowden die Ehrendoktorwürde der Universität Rostock zu verleihen, bemerkt er in einem Gastbeitrag auf ZEIT Online:

 

„Seit meinem Amtsantritt predige ich, vorsichtig im Umgang mit der Technik zu sein.“

Das, was Snowden der Welt mitzuteilen gehabt habe, sei ja kalter Kaffee und schon seit langer Zeit bekannt. Snowden dürfe nicht ausgezeichnet werden. Ich finde auch: Viel eher sollte natürlich Caffier den Ehrendoktor kriegen, der in seiner Stellungnahme digitalen Fatalismus offenbart. Wer seinen Rechner einschalte, muss sich bewusst sein, „dass er von dem Moment an nicht mehr allein“ sei.

 

„Egal, wer sich da gerade reinhackt, ob das die Chinesen oder die Amerikaner oder die Russen sind. Es ist doch nichts Neues, dass all diese Länder Daten einsammeln.“

Das leuchtet zwar ein, erklärt aber nicht, warum diese Vorgänge einfach hingenommen werden sollten. Nach derselben Logik wäre jeder selbst schuld, der beim Überqueren der Straße von einem Auto angefahren wird. Wer am Straßenverkehr teilnimmt, setzt sich ja wissentlich auch den Risiken dort aus. Dass dem Staat gegenüber seinen Bürgern in gewissen Bereichen eine wichtige Schutzfunktion zukommt, würde niemand abstreiten. Dass aber auch das Internet ein solcher Bereich sein kann, in dem sich ja bereits ein Großteil der menschlichen Kommunikation abspielt, ist aber bei vielen Diskussionsteilnehmern noch nicht angekommen. Folgerichtig erklärt Caffier:

 

„Ich finde: Man sollte sich im Internet nicht komplett entblößen, dann geht es einem auch besser.“

Nur Allgemeinplätze zu verbreiten ist keine Leistung, und vor allem keine wissenschaftliche, deshalb würde eine Verleihung an Snowden das Wesen dieser akademischen Auszeichnung aushöhlen:

 

„Ich kann nur davor warnen, den Dr. h. c als Massengut zu betrachten! Es gibt lediglich eine Handvoll Ehrendoktoren in Rostock, mit gutem Grund.“

Albert Einstein gehört zum Beispiel dazu, das spricht Bände. Dessen Leistung ist unbestritten, so etwas sollte natürlich nicht geschmälert werden. Allerdings gibt es allein an der Uni Rostock nicht nur ein paar Ehrendoktoren, sondern es sind viel mehr, wenn man Wikipedia hier Glauben schenken darf. Überhaupt werden Ehrendoktoren als Währung für politische oder andere Verdienste eher inflationär benutzt. Helmut Kohl hat über 20, Angela Merkel mindestens vier, der Dalai Lama über 40. Spitzenreiter ist übrigens der amerikanische Theologe Theodore Hesburgh, der mit 150 Doktortiteln honoris causa sogar im Guiness-Buch der Rekorde steht. Den Status als Massengut hat die Ehrendoktorwürde längst inne.

 

Zu guter Letzt zeigt sich Caffier auch naiv: Geheimdienste von Rechtsstaaten sind schon allein dadurch gerechtfertigt, da es sich ja eben um Rechtsstaaten handelt. Der Rechtsstaat ist eine gute Sache, deshalb auch alle seine Auswüchse. Dass auch in Rechtsstaaten politische Vorgänge immer neu verhandelt werden und etwa an sich verändernde Erfordernisse verschiedener Zeiten angepasst werden müssen, vergisst der Innenminister, wenn er sagt:

 

Der Geheimdienst eines Rechtsstaates ist nicht die Stasi. Wir brauchen Geheimdienste, um innere und äußere Sicherheit zu gewährleisten. Es kann nicht unser Ziel sein, Hackern die Kontrolle über rechtsstaatliche Verfahren zu überlassen.

Genau das hat aber niemand gefordert. Ein Computerspezialist, der die anlasslose, flächendeckende Überwachung, Speicherung von Meta- oder Direktdaten kritisiert, hat damit noch nicht die Abschaffung der Geheimdienste verlangt. Er hat auch nicht verlangt, anstatt der Geheimdienste ein Konsortium aus Programmierern, Netzaktivisten oder Hackern einzusetzen, das von nun an Spionagetätigkeiten koordinieren und betreuen soll.

 

Caffier bemüht hier bewusst das Bild der bösen Hacker, die alles besser wissen und obendrein ja auch kriminell sind. Oder? Naja, wahrscheinlich schon, es sind ja auch Hacker. Allein das Wort schon. Nach dem Prinzip: Ist schon alles nicht ok, aber immerhin besser als solche Freaks!

 

Dass viele dieser Freaks keine Anarchie im Cyberspace errichten wollen, sondern einfach transparente, staatliche und demokratische Kontrolle verlangen, das blendet Caffier aus. Er selektiert, ordnet und gewichtet seine Wahrnehmung in einem ganz bestimmten Sinne – wie ein Schriftsteller. Ich hoffe aber trotzdem, dass ich mich in Zukunft wieder mehr mit den Ursprüngen befassen kann…

 

Bild: National Museum of American History / CC BY-SA-NC 2.0

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