Über die Lesbarkeit der Menschen

Markus Morgenroth, Buchautor und ehemaliger Datenanalyst, spricht in einem Interview mit faz.net davon, dass Menschen in der Flut an digitalen Daten verwundbar werden. Seine Aufgabe bei einem externen Dienstleister war es zunächst, unternehmensinterne Vorgänge effizienter zu gestalten, also anhand von Datenspuren beispielsweise Kündigungen vorherzusehen oder Veruntreuungen aufzudecken. Morgenroth:

„Wir haben Menschen lesbar gemacht.“

Doch beim Verfolgen der Datenspuren tauchte schmückendes Beiwerk auf: Alkoholprobleme, Sexualität, Seitensprünge. Der Mensch wird durchschaubar.

„Die Betroffenen wussten häufig nicht mehr, was sie wann und mit wem getan hatten, wenn sie vor Gericht befragt wurden. Wir wussten es aber. Vor Gericht wissen heute andere sehr viel besser über Sie Bescheid als Sie selbst. Daraus folgt eine neue Deutungshoheit über Personen.“

Das ist durchaus richtig und sogar nützlich, wenn es ums bloße Auflisten der Fakten geht. Wer weiß schon noch, was er gestern, zu Ostern, zu Weihnachten gegessen hat bzw. welche Geschenke er zum Geburtstag bekam? Warum sollte man sich das auch merken? Gut, wenn es ein Computer übernimmt.

Zum Problem wird es erst, wenn es um so heikle Sachen wie Gerichtsverhandlungen geht. Dann ist die Deutungshoheit eben eine Position, die verschiedene Parteien mit unterschiedlichen Ansichten einnehmen können. Diese können richtig oder falsch sein, wenn sie auf Daten basieren, argumentieren sie aber vor allem mit Schlüssigkeit. Nach dem Motto „Sonst gehen Sie doch Freitag abends immer zum Squash? An diesem einen verhängnisvollen Tag aber nicht.“

Mit „Menschen werden lesbar“ ist aber eben nicht gemeint: les- und interpretierbar. Sondern: Menschen besser zu kennen und zu verstehen als sie sich selbst. Dabei handeln sie aber eben nicht konsistent, sondern irrational und widersprüchlich. Ein Bildungspolitiker, der sich vehement für das achtjährige Gymnasium einsetzt und seine Kinder privat lieber auf eine Waldorfschule schickt; ein Metzger, der sich privat lieber vegan ernährt; eine Ärztin, die gerne mal eine Zigarette schnorrt; ein 80-jähriger Rentner, der sagt „Heut mach‘ ich mal was Verrücktes!“ – all das gibt es. Und das ist auch in Ordnung. 

Es geht auch gar nicht anders, denn die Welt selbst ist nicht widerspruchsfrei. Was dem einen nützt, schadet dem anderen. Man muss dabei nicht sofort an Ausbeutung und Sklaverei denken, es gilt ja schon im Kleinen: Wo die Ärztin ihre Zigaretten kauft, spielt für sie selbst keine Rolle – für den verschmähten Kioskbesitzer eventuell schon. Zwangsläufig schadet man mit seinem Verhalten anderen, ohne es zu wollen, oder nimmt Einfluss.

Die Gefahr der Datenherrschaft und -hörigkeit ist – neben der Gefahr der unrechtmäßigen Verurteilung einer Person durch Gerichte oder Geheimdienste – die, dass das Verhalten von Menschen nur mehr nach Maßstäben von Konsistenz bewertet wird. Und das wäre langweilig bis gefährlich. Dem begegnen kann man meiner Meinung nach nur mit mehr Irrationalität. Also Cookies aus und öfter mal merkwürdige Suchanfragen in den Cyberspace schicken.

Bild: Wilinckx

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