Was heißt denn hier „kopiert“?

Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei – Original oder Kopie? Das fragt Dannie Jost in einem Blogbeitrag bei der FAZ angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung Südkoreas seit den siebziger Jahren. Das Land, noch vor einigen Jahrzehnten eines der am wenigsten entwickelten weltweit, unternahm dann einen Riesensprung zu einem wohlhabenden Industrie- und Dienstleistungsstaat. Dies gelang ihm vor allem durch das konsequente Kopieren und Adaptieren der Produkte aus den bereits weiter entwickelten westlichen Staaten.

 

Zuerst ist man ja versucht, laut aufzuschreien: Was? Kopieren einfach alles weg? Da saßen jahrhundertelang deutsche Ingenieure dort und haben Modelleisenbahnen, Foto- und Telegraphenapparate entwickelt, gebaut, verbessert, neu entwickelt und wieder gebaut – nur damit dann alles wegkopiert wird? Ohne Danke zu sagen? Sieht man aber mal von der eindeutig fragwürdigen Praxis des Umetikettierens-und-als-eigene-Leistung-Ausgebens ab, ist das eigentlich keine große Sache.

 

Das Kopieren bzw. das „kreative Imitieren“, wie man es auch nennen könnte, ist eine kulturelle Konstante sondersgleichen. Ingenieure kopieren die Natur, Kindern kopieren das Lachen und die Laute ihrer Eltern, Jugendliche die Stars aus der Bravo und die Evolution kopiert die Gene unserer Vorfahren. Ohne Kopie und Nachahmung kommen Gesellschaft und Zivilisation ins Stocken.

 

Sich umzusehen im eigenen Milieu ist also nur folgerichtig und konsequent. Und wenn das eigene Werk dann mehr oder weniger versehentlich doch allzu sehr dem eines Konkurrenten gleichen sollte – na gut, meinetwegen: Dann wird drauflos geklagt, gegengeklagt, Klagen fallengelassen, bis niemand mehr durchblickt. Patentrecht ist eine komplizierte Sache.

 

Und was war nun zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Bei Technologien, bestimmtem Gerätedesign oder irgendwie gearteten neuartigen Verkabelungen mag die Frage nach Original oder Kopie relativ klar zu beantworten sein. Fernab davon sieht das wiederum ganz anders aus.

 

Die Wörter „Original“ und „Kopie“ verkomplizieren die Sache sehr. Es wäre praktisch und gut, wenn man die defizitären Kopien immer schön vom edlen Prototyp unterscheiden könnte. Aber nichts wird ja aus dem Nichts geschaffen: Jedes Original ist zwangsweise selbst schon wieder Kopie, da es – so scheint es manchmal – zu jedem Zeitpunkt der Geschichte immer alles schon gab. Und manche Kopie kombiniert Vorhandenes so virtuos neu, dass der Aufwand ungleich größer erscheint als beim Original.

 

Und mit dem sogenannten „geistigen Eigentum“ wird die Sache sogar nochmal eine Stufe schwieriger. Wie immer gilt: Die Grenze zwischen Plagiat und „Original“ oder plumpem Abklatsch und kreativer Neukombination ist nicht so leicht zu ziehen. Das wusste auch schon einer der Urväter der Originalität, einer, der scheinbar origineller war als alle anderen zuvor, der gute Goethe:

 

„Man spricht immer von Originalität, allein was will das sagen! So wie wir geboren werden, fängt die Welt an, auf uns zu wirken, und das geht so fort bis ans Ende. Und überhaupt, was können wir denn unser Eigenes nennen als die Energie, die Kraft, das Wollen! Wenn ich sagen könnte, was ich alles großen Vorgängern und Mitlebenden schuldig geworden bin, so bliebe nicht viel übrig.“

Bild: JH Images,co.uk // CC BY-NC-SA 2.0

 

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