Genie in the bottle

Passend zum vorherigen Eintrag – Stichwort “Böser geheimniskrämerischer Autor” – stieß ich in der ZEIT auf folgendes Zitat:

Vielleicht ist ‘Genie’ überhaupt nicht erklärbar. Büchners Werke erstaunen uns immer wieder. Sie könnten es nicht, wären sie erklärbar.

Das Genie ist eine vielbenutzte und auch fast ein wenig abgedroschene Kategorie, mit der in Ermangelung besserer Begriffe (oder Phantasie) mal dieses, mal jenes bezeichnet wird, mal Shakespeare, mal Goethe, mal Faust, mal Thomas Mann, mal Ronald Pofalla – und mal wie in diesem Fall auch Georg Büchner.

Büchner entspricht nun der gängigen Vorstellung des Genies eigentlich überhaupt nicht. Er steht an der Schnittstelle zwischen zwei großen Paradigmata – wenngleich das mit den Klassifzierungen natürlich immer so eine Sache ist. Vereinfacht gesagt: Vorher gab es die großen idealischen, gottgleichen Schöpfer von alternativen Welten, die aufgrund ihres Talents einen besseren Einblick in die Gefüge des Universums haben und diese für uns dann auf Papier bannen können (= Genie, z. B. Goethe, Schiller etc.). Mit Büchner beginnt dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Phase der Literatur des politischen Aktivismus (auch Heine, Börne). Dichtung ist nicht mehr allein ästhetisches Kunstwerk, sondern soll die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern helfen.

Begriffe ändern ihre Bedeutung, das ist ganz normal. So kann nun auch Büchner, dessen 200. Geburtstag wir 2013 übrigens feiern, ein Genie sein. Heutzutage ist das jemand, der Übermenschliches, Unerklärliches leistet. Und das erwarten wir von unseren Autoren, auch wenn wir uns oft über ihre Unverständlichkeit oder Schwierigkeit ärgern. Hat ja auch niemand gesagt, dass Genialität einfach wäre.

Foto: Flickr-User Scott Rettberg (unter CC BY-SA 2.0)

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