Goethe und der Islam: West-östlicher Diwan

Gehört der Islam nun zu Deutschland? Die Muslime? Der Koran? Das Kopftuch? Und wenn ja, wie weit, und welcher Islam genau, welche Richtung? Und wenn nein: warum nicht, inwieweit nicht und inwieweit vielleicht nicht etwa doch? Kann das alles nicht endlich mal geklärt werden, ein für alle Mal?

Goethe hat sich solche Fragen bestimmt nie gestellt. Sein Zugang zur islamischen Welt war ein anderer. 1814 las er (auf Deutsch) den Diwan des persischen Dichters Ḫāǧe Šams ad-Dīn Moḥammad Ḥāfeẓ-e Šīrāzī, kurz: Hafis. “Diwan”, das bedeutet Sammlung von Gedichten, Versen und Texten – und der von Hafis muss den schon etwas älteren Goethe ziemlich beeindruckt haben.

Denn der setzte sich hin und schrieb wiederum den West-östlichen Diwan, eine Hommage an Hafis. Darin setzt er sich mit dem Islam, mit islamischer Weltsicht und orientalischer Kultur auseinander. Das lyrische Ich nimmt eine muslimische oder muslim-nahe Haltung ein, diskutiert Sätze aus dem Koran oder andere Lehrsprüche. Dazu gibt es Dunkles, Mystisches, historische Einlagen, Parabeln und Erotik. (Bei dieser Zusammenfassung rotiert MC Goethe bestimmt im Grab, aber mehr will und kann ich an dieser Stelle nicht liefern. Ich empfehle ja, den Diwan selbst zu lesen.)

Die bekanntesten Verse kennt man heutzutage vor allem aus Leitartikeln großer Tages- und Wochenzeitungen. Sie lauten:

„Wer sich selbst und andere kennt,
wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
sind nicht mehr zu trennen.“

Dann wäre dieser Fall also geklärt? Hm. Dass Orient und Okzident zusammengehören, wird nicht automatisch zur Tatsache, nur weil Goethe das sagt. Man findet ja zu jeder Meinung einen, der sie vertritt. Goethe vertrat seine zwar meistens wortgewaltig und schön. Aber geklärt ist damit nichts.

Die Antwort bleibt also wieder einmal aus. Aber Goethe soll trotzdem als interessantes Beispiel herhalten, wie man seine Zeit besser nutzen kann. Er setzte sich nämlich nicht hin und überlegte erst einmal, ob dieser Islam, von dem er da las, überhaupt nach Deutschland passte. Ob die Leser bereit dafür seien. Und ob das denn wirklich nötig sei, dass man dem Fremden Tür und Tor öffne, ja, brauche es das denn, das Fremde auch noch auf ein Podest zu stellen, indem man darüber schreibe?

Natürlich gab es kein Deutschland, kein über Jahrzehnte beständiges Gebilde, wie wir das heute kennen. Mit festen Grenzen, innerhalb derer man Hunderte oder Tausende Kilometer rumreisen konnte und dabei auf Menschen traf, die dieselbe Sprache redeten und mit dem gleichen Geld bezahlten. Und die sich kulturell auf einen gemeinsamen Nenner einigten, von Goethe und Schiller bis hin zu Industrie- und Handwerkskammer, Audi, BMW und Popkultur. „Das alles ist Deutschland, das sind alles wir“, sangen die Prinzen ja einmal.

Merkwürdig ist: Je größer und mächtiger eine kulturelle Gemeinde ist, umso größere Angst scheint sie vor äußeren Einflüssen zu haben. Dabei könnte man fragen: Für wie stabil hält man seine eigene Kultur, wenn man glaubt, dass sie so schnell und einfach ausgehöhlt werden kann? Sei es durch Religionen, durch Wirtschaft oder durch neue Technologien.

Die Alternativen sind nicht zwangsläufig „die oder wir“, Islam oder Christentum, Silicon Valley oder deutscher Rechtsstaat. Man kann neugierig sein auf das, was dazwischen liegt, neugierig wie Goethe. Der machte einfach mal. Und merkte: So fremd sind die Welten im Diwan von Hafis gar nicht. Und selbst wenn, kann die Begegnung aufschlussreich sein.

Foto: Goethe von motograf (cc by 2.0)

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