In "Toller Dampf voraus" verlegt Pratchett die Erfindung der Eisenbahn ins Fantastische.

Als Terry Pratchett einmal ein schlechtes Buch schrieb

Der britische Autor sprühte vor witzigen Einfällen und erzählte geniale Geschichten. Einmal ging das daneben.

Vor fast zwei Jahren starb Terry Pratchett, Erfinder der Scheibenwelt und Erzähler der Geschichten, die sich auf dieser Welt abspielen. Seine größte Leistung ist meiner Meinung nach das Kunststück, seine Figuren vor diesem wunderlichen Hintergrund sogar noch wunderlicher wirken zu lassen. Eigentlich hat er auf dem Papier nur Freaks versammelt. Er stattete die Protagonisten mit schärfsten Charakterzügen aus. Und Personen ohne Charakter beschrieb er grandios in ihrer Charakterlosigkeit.

Das Rezept für die Romane war dann so einfach wie genial: Er versammelte ein paar seiner Freaks und gab nur einen winzigen Impuls – und das trug über Hunderte Seiten. Ein bisschen kam einem das vor wie ein Zimmer voller Mausefallen, in das jemand einen Tischtennisball fallen lässt.

Nur einmal ging das Rezept nicht auf. Nach Pratchetts Tod las ich Raising Steam (2013, auf Deutsch: Toller Dampf voraus) und war ab der ersten Seite irritiert, ab Seite 20 enttäuscht, ab Seite 100 schockiert, ab Seite 200 dann neugierig herauszufinden, was schiefgelaufen war.

Kurz zum Inhalt: In Toller Dampf voraus verlagert Pratchett die Erfindung der Eisenbahn auf die Scheibenwelt und zeigt, wie die Menschen, Zwerge, Trolle etc. damit umgehen. Das Buch liest sich stellenweise wie das Drehbuch einer Fernsehserie, alles wird in Episoden erzählt. Die Idee der Eisenbahn wird durchexerziert, bis in die kleinsten Bereiche. Die Menschen erfinden Genossenschaften und bauen Modelleisenbahnen, die Gnome, die in Erdlöchern wohnen, dann eine U-Bahn.

Die Haupthandlung (eine politische Intrige) vernachlässigt Pratchett, um immer noch eine Idee mehr unterzubringen. Die Ideen stehen dann unverbunden nebeneinander. Sie sind nett, treiben die Geschichte aber nicht voran. Und wenn das Tempo anziehen könnte, bremst Pratchett. Der Showdown zum Beispiel ist in drei Sätzen abgehandelt, was sogar die Hauptfigur merkwürdig findet:

„Das war’s dann schon?, fragte sich Feucht leicht verwirrt. Nach dem vielen Adrenalin auf der Zugfahrt, nach den Hinterhalten, den Angriffen, der Brücke… und den schlaflosen Nächten? Nach einer Fahrt, bei der sie in jeder Kurve das Geräusch einer zischenden Sense erwartet hatten, mit dem Gefühl, diesmal endgültig vom Glück verlassen zu sein… und dann hält Rhys eine schöne Rede, marschiert einfach los und nimmt sich sein Königreich zurück?“

Die Figuren sind eigentlich bekannt aus anderen Scheibenwelt-Romanen. Allein, man erkennt sie kaum wieder, so allgemein sind sie in Toller Dampf voraus beschrieben. „Also zwinkerte er, wie nur Feucht von Lipwig zwinkern konnte“ oder „Er war, wie ein Bürgermeister zu sein hatte“ – das sind bequeme Lösungen beim Beschreiben. Detailverliebt ist das nicht.

Und wenn dann der beinharte Kommandeur der Stadtwache plötzlich „verschmitzt“ lächelt, oder sich der Protagonist angesichts einer erhobenen Axt wörtlich denkt „Na schön, das war’s dann wohl“ – dann driftet der Text fast ins Schulaufsatzhafte ab.

Das ist alles schade, sehr schade. Aber Pratchett hat so viel mehr geschaffen als Toller Dampf voraus. Ein ganzes Universum hat er erschrieben, ein riesiges Gebäude gebaut, das nicht mal eben zusammenbricht, weil eine Wand schlecht verputzt ist. Darum ist es auch nicht tragisch, dass er ein schlechtes Buch geschrieben hat. Tragisch ist, dass er nicht mehr da ist, um an diesem Gebäude weiterzubauen.

Bild: Raising steam von michaelgreenhill (cc by-nc-nd 2.0)

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