Nun sag, wie hast du’s? – Das Übel der Theorie

Viele Menschen finden eine wissenschaftliche Herangehensweise blöd, ja, haben sogar eine regelrechte Aversion dagegen. Niemand hat mir schließlich vorzuschreiben, wie ich bestimmte Erlebnisse einzuordnen oder sogar wahrnehmen zu habe. Alles wird mit Theorie überfrachtet und führt nur vom eigentlich Gegenstand weg.

Der Physiknobelpreisträger Richard Feynman hat sich in seiner Ode to a rose hierzu wunderbar geäußert, aber wenige überzeugt. Gerade beim Lesen erscheint Theorie trotzdem als etwas Staubtrockenes, Langweiliges und manchmal sogar Erschreckendes. Jeder will Literatur pur für sich, am besten in der Hängematte, voll Saft und Kraft und in prächtigster Blüte.

Doch die Theorie ist schneller. Denn eine Herangehensweise, die fordert, Literatur könne eben nur in völliger Abschottung von der Welt aus Ausklammerung aller theoretischer Ansätze betrachtet werden, ist natürlich selbst wieder Theorie. Versteht man Theorie generell als Modell, bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit zu erklären und sie überhaupt erst beobachtbar zu machen, erfüllt die vollkommene Verneinung aller literaturtheoretischer Ansätze denselben Zweck.

Und auf dieser Basis werden dann auch Urteile über bestimmte Werke gefällt. Keine Interpretation kann vorgenommen werden, ohne dass vorher Aussagen über das Wesen der Literatur getroffen werden – ob nun implizit oder explizit. Umgekehrt funktioniert das genauso: Wer einen – wie auch immer gearteten – Begriff von Literatur hat bzw. weiß, was sie ist, verfügt bestimmt auch über eine eigene Methode, sie richtig bzw. adäquat zu lesen und zu interpretieren.

Was man darüber hinaus auch gerne unter den Tisch fallen lässt: Wissenschaftler theoretisieren nicht nur aus einer morbiden Lust daran, ihren eigenen Gegenstand (und damit ihre Daseinsberechtigung) zu zerfleischen. Vielmehr geht es darum, die Literatur zumindest annähernd objektiv zu bestimmen, um eine gemeinsame Gesprächsbasis zu ermöglichen. Das ist natürlich unmöglich, da sich nichts objektivieren lässt, was auf höchst individuellen Leseerfahrungen beruht.

Allerdings kann man auf dieser Schwelle auch nicht einfach stehen bleiben, sofern man sich mit dem bloßen Austausch von Eindrücken und Gefühlen beim Lesen zufrieden gibt. Aus diesem Grund ist Theorie wichtig, damit überhaupt wissenschaftliche Diskussionen in Gang kommen.

Das kann man trotzdem schlecht finden. Man kann aber auch daran denken, wenn man das nächste Mal schier daran verzweifeln möchte, dass der Gesprächspartner einfach nicht nachvollziehen kann, was am innigen Lieblingsroman so toll sein soll. Liebe zur Literatur und kritische Distanz sind eben zwei sich ergänzende, nicht widersprechende Modelle.

Foto: Flickr-User Peter Taylor (unter CC BY 2.0)

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