Im Osten nichts Neues: The Sorrow of War

Dann und wann amüsiere und ärgere ich mich über die hohlen Feuilleton-Floskeln, die oft ja nicht nur das Denken beim Lesen vereinfachen, sondern einfach ganz ersetzen sollen. Was macht man aber nun mit solchen Fundstücken?

‚Kien, why don’t we forgive them for now and send them to our superiors to decide?‘
Kien turned. It was Cu. Kien burned with anger and he let fly in fury, sticking his gun into Cu’s mouth. ‚If you want to show your love for them go stand in the line with them. I’ll kill you too! You too!‘

Es stammt aus aus dem Roman Thân phận của tình yêu des vietnamesischen Autors Bao Ninh aus dem Jahr 1990, den ich in der englischen Übersetzung (The Sorrow of War, 1994) gelesen habe. (Der Vollständigkeit halber: Die Leiden des Krieges, 2014). Bao Ninh beschreibt autobiografisch die Erlebnisse von Kien, der im Alter von 17 auf der Seite der Kommunisten in den Vietnamkrieg zieht – und nach dem Sieg zermürbt und traumatisiert zurückkommt und seine Erfahrungen aufschreibt.

Ich komme nicht drum rum, Szenen wie die eingangs zitierte eindrücklich zu nennen und vielleicht sogar von einer besonderen Sogwirkung zu sprechen. Oder anders herum: Wenn jedes zweite Buch von der Kritik mit den gleichen Floskeln bedacht wird und minutiös seziert, wie beschreibt man dann ein Buch, das, nun ja, wirklich eindrücklich ist?

Und die zitierte Szene ist bei Weitem nicht die eindrücklichste. Bao Ninh hat den Krieg eben selbst miterlebt, und er schafft es, seine Erlebnisse aufs Papier zu bannen. Seite für Seite begegnet einem der Schrecken und die Sinnlosigkeit des Krieges in The Sorrow of War, dass man nur noch schluckt. Alle vermeintlich klugen Gedanken, die man beim Lesen so fasst, verpuffen Sekunden später als gemeine Banalitäten. Das „Im Westen nichts Neues Asiens“ war in Vietnam bis in die 2000er hinein verboten – und doch prägend für eine ganze Generation.

Einer Frage will ich aber nachgehen, nämlich der, ob The Sorrow of War eher als Roman oder als historisches Dokument zu lesen ist. Ohne die ureigensten Erfahrungen des Autors hätte es nie geschrieben werden können. Ist es also gar kein Roman, keine Literatur, sondern nur ein historisches Dokument?

In der Poetik von Aristoteles findet sich hierzu ein berühmter Satz, der in den Ohren von Germanistikstudenten klingt wie ein Fuchsschwanz durch Styropor. Dem Surren eines Zahnarztbohrers gleich fährt er ihnen durch Mark und Bein, dass sie manchmal sogar wütend werden. Handgreiflichkeiten sind mir nicht überliefert, es würde mich aber nicht wundern. Aristoteles sagt, es sei nicht Aufgabe des Dichters,

„mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte“

Darin unterschieden sich eben Dichter und Geschichtsschreiber. Aristoteles hat noch einiges mehr zu diesem Gegensatz geschrieben, aber dieser Satz hallt am lautesten nach. Die Mitternachtsformel der Literaturwissenschaft.

So einfach ist es dann aber meist doch nicht: Die Grenzen zwischen Dichtung und Geschichtsschreibung verwischen, nicht umsonst nennt Goethe seine Memoiren Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Wer mit Texten arbeitet, bedient sich aus der Werkzeugkiste der Literatur. Man pickt sich hier, wo alles erlaubt ist, das raus, was man brauchen kann. Journalisten beobachten Details wie Flaubert, Werbetexter orientieren sich an kraftvollen expressionistischen Sprachbildern, Redenschreiber lesen Cicero oder Rocko Schamoni.

Umgekehrt bedienen sich auch literarische Werke in der „echten“ Welt, historische Romane zum Beispiel. Der Name der Rose ist auch deshalb so überzeugend und stimmig, weil darin einfach die meisten historischen Daten stimmen.

Auch Ninh tut beides. Die schrecklichen Szenen hat er selbst erlebt oder sich von Augenzeugen berichten lassen. Insofern ist er Chronist der Ereignisse. Aber einen weitaus größeren Teil des Buches geht er der Frage nach: Wie kann ein einzelner Mensch weiterleben? Nachdem er am einen Tag die Schule beendete und am nächsten lernen musste zu töten? Wie können die vollkommen traumatisierten Menschen, zerstritten und verfeindet, nach dem Krieg wieder zueinander finden?

Das ist das Könnte, das Ninh beschreibt. Seinen Protagonisten lässt er die Geschichte aufschreiben, um die Erinnerung zu bewahren. Keine leichte Aufgabe, vielmehr eine, die ihn beutelt und zu zerreißen droht. Die Rückkehr zum Alltag scheint nach dem Krieg unmöglich. Das spiegelt sich bereits im Originaltitel wider. Der bedeutet wörtlich übersetzt „das Wesen/Schicksal der Liebe“.

Bild: Sunset on Ha Long Bay // cc by-nc-sa 2.0

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