Die Inszenierung des Jonathan Meese

Kluge Menschen kennen ihre Grenzen, Dummheit dagegen ist unendlich. Das ist das ewige Problem der Menschheit, unzählige Staffeln wurden schon gedreht. In der heutigen Folge krankt daran: Jonathan Meese, Ton-, Video-, Aktions-, Vielseitigkeitskünstler, Bildhauer usw. usf. etc. pp. Bekannt ist er in Deutschland aber weniger für seine Kunst, sondern für seinen Hang zum Hitlergruß. Damit beschäftigt er manchmal die Gerichte, sorgt für ein bisschen Aufregung, aber auch nicht mehr. Alles nur Konzept seiner sogenannten „Erzkunst“, denkt sich der Laie.

Doch nun ist Meese zornig aufgetreten, ja öffentlich ausgerastet, wie die dpa berichtet und man zum Beispiel hier nachlesen kann. Beim Literaturfest in München wollte er über die „Diktatur der Kunst sprechen“ und feuerte zu diesem Anlass mit breitem Geschütz in Richtung Bayreuth, genauer: in Richtung der Wagner-Festspiele. „Ihr seid Kunsthasser“, schrie er und: „[D]as ist alles Richard Wagners überhaupt nicht würdig“. Man habe der Kunst in Bayreuth Hausverbot erteilt. (Wo man bei der dpa noch zögert, manche der Worte Meeses überhaupt zu schreiben, hat der Nordbayerische Kurier das Ganze auf Video.)

Was ist eigentlich passiert? Meese sollte 2016 die Richard Wagners letzte Oper „Parsifal“ in Bayreuth inszenieren. Doch dann wollten die Verantwortlichen doch nicht mehr und beendeten die Zusammenarbeit. Begründet wurde der Schritt damit, dass Meeses Konzept zu teuer sei.

Man weiß ja nicht, was Meese im Sinn hatte, auch über seine Kunst will ich nicht urteilen, da kenne ich mich einfach nicht aus. Aber sein Konzept von einer applauslosen Kunst – würde es einen wirklich wundern, wenn sich Veranstalter eines renommierten Festivals das nochmal überlegen? Zumal das Festival in Bayreuth nicht nur die Werke Wagners aufführt, sondern auch an seine Person erinnert, von der Bedeutung als gesellschaftliches Ereignis der Bundesrepublik ganz zu schweigen. Ein bisschen Applaus dürfte es dann ja doch sein. Meeses Vorwürfe der „Operettisierung“ und „Musicalisierung“ treffen natürlich voll ins Schwarze – und laufen deshalb ins Leere. Man zuckt mit den Schultern und fragt: „Ja, und jetzt?“

Groß inszenierte Kunst verliert die Kunst immer ein Stück weit aus den Augen, groß inszenierte Kunst erstarrt an den Rändern immer zur Konvention. Es verwundert nicht, dass Meese „das Radikale gesucht“ und dann eben nicht gefunden hat. Die Geschäftsführerin der Festspiele, Katharina Wagner, ist für ihn „der größte Feind der Kunst“. Natürlich ist ein Regisseur in Bayreuth nicht so frei wie anderswo, doch ist das kein Geheimnis – zu viel hängt schlicht vom Erfolg der Aufführungen ab. Bemerkenswert ist nur, dass Meese das erst so spät erkennt.

Und dass es ihn so wütend macht. Er selbst wäre „so gerne demütig, wenn man mich nur ließe“. Gleichzeitig schimpft er aber auf den nun bestellten Nachfolger Uwe-Eric Laufenberg, also jemanden, der bisher nicht durch Skandale aufgefallen ist. Obwohl Meese auch in seine Richtung poltert, hält er sich bedeckt.

Es kann sein, dass Meese das Konzept einer absolut reinen Kunst verfolgt, einer Kunst, die sich nicht um den Menschen scheren muss und ihn deshalb tief bewegt. Jedoch ist es naiv zu glauben, man könne dieses Konzept so radikal an einem etablierten Konzerthaus umsetzen. Vielleicht ist Meese in dieser Geschichte das Genie, vielleicht sind die Bayreuther Veranstalter dumm. Aber wenn die Dummen die Kunst nicht verstehen oder die Schönheit nicht sehen, können sie nichts dafür – sie sind ja dumm. Dass sich ein Genie unter Dummen unverstanden fühlt, nun, das wäre nicht tragisch, sondern nur konsequent.

Es läge also an Meese selbst, für seine Vision zu werben – oder seinen Traum einfach woanders wahr werden zu lassen. Wenn die Kunst applauslos ist, braucht sie kein Konzerthaus. Dann kann sie auch im Provinzpfarrsaal oder im Wald stattfinden. Es spricht nicht gerade für Meeses Vision, dass sie sich offenbar nur mit Unterstützung durch den konventionellen Kulturbetrieb verwirklichen lässt.

Und was macht Meese? Ergeht sich in Provokationen, reckt den arm zum Hitlergruß und sagt: „Die letzte starke Inszenierung war Hitler.“ Doch niemand fühlt sich provoziert. Zurück bleibt Ratlosigkeit.

Bild: Knight, Horse and Sword von Hartwig HKD // cc by-nd 2.0

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