Eine These zur Zukunft der Literatur

Ich habe eine These zur Zukunft der Literatur. Kommen wir ohne Umschweife zum Punkt. Sie lautet:

Es wird immer Literatur geben.

Thesen zur Zukunft irgendeiner Sache werden gerne aufgestellt. Und noch viel lieber werden sie aufgestellt, wenn eben diese Zukunft düster aussieht oder viele Menschen es für möglich halten, dass die Zukunft unter bestimmten Umständen und Entwicklungen mal düster aussehen könnte. Eine schnelle Google-Recherche liefert folgende Ergebnisse:

_ Thesen zur Zukunft des Journalismus
_ Thesen zur Zukunft der Medien
_ Thesen zur Zukunft der Arbeitgeberkommunikation
_ Thesen zur Zukunft der Arbeitsgesellschaft
_ Thesen zur Zukunft Österreichs (???)
_ Thesen zur Zukunft des HSV
_ Thesen zur Zukunft des öffentlichen Diensts

Will man besonders eindringlich auf etwas hinweisen oder warnen, stellt man den Thesen ein Adjektiv voran und somit zornige, simple, längst überfällige etc. Thesen auf. Sebastian Langer hat auf seinem Blog einmal gezählt, dass bis November 2013 fast 300 mehr oder weniger unterschiedliche Thesen zur Zukunft des Journalismus aufgestellt worden waren. Seine These: Langsam gibt es genügend Thesen.

Um diesen inflationären Gebrauch der generellen Thesensteller- und -klauberei nicht noch weiter zu befeuern, gibt es von mir also nur eine These zur Zukunft der Literatur. Hier noch einmal zur Erinnerung:

Es wird immer Literatur geben.

Klingt zuerst banal. Man kann die These auch ruhig unmittelbar als falsch verwerfen und darauf verweisen, dass der Markt für E-Books ja schließlich immer größer wird und… aber halt! Es ist keine These zur Zukunft der Verlagsindustrie. Ich treffe keine Aussage darüber, ob Literatur immer in Büchern stehen wird oder nach und nach daraus verschwinden wird.

Viele arrivierte Autoren beklagen sich darüber, dass sie immer weniger Geld verdienen (Helmut Krausser beklagt sich darüber, dass es böse Literaturkritiker gibt – aber der beklagt sich ja immer über irgendwas). Verlage beklagen sich darüber, dass der Markt so schnelllebig und knallhart geworden ist. Junge, unbekannte Autoren beklagen sich, dass sie keine Chance haben, sich bei einem dieser bemitleidenswerten Verlage durchzusetzen und somit selbst zu lamentierenden arrivierten Autoren zu werden. Letzten Endes werde die Literatur daran zugrunde gehen, heißt es oft.

Das sagen viele vorher. Dabei erwähnen sie aber meist nicht, dass sie sich nur nicht von einem angenehmen Zustand verabschieden wollen, der sie einmal sehr begünstigt hat – was auch nur mehr als verständlich ist. Niemand will das.

Man sollte aber nicht sein eigenes, privates Wohlergehen an das Schicksal der Literatur koppeln. Das würde im Endeffekt bedeuten: Wenn ich nicht mehr zum Schreiben komme oder uns der Markt nicht mehr erlaubt, tolle Bücher zu produzieren, stirbt die Literatur. Das wäre dann doch ziemlich vermessen.

Literatur ist größer und lässt sich nicht bestimmen. Sie muss nicht von einem Autor mit Pfeife geschrieben oder in einem Verlagshaus gedruckt worden sein, um Literatur zu sein. Etwas anderes macht sie dazu, etwas, das sich nicht einfangen lässt und Verlage, Autoren, Bücher, Papier und uns selbst überleben wird. Literatur wird immer da sein.

Foto: Enthusiasm Curbed von Tom Page (von mir bearbeitet, unter CC BY-SA 2.0)

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