Die Letzten werden die Ersten sein

Peder Zane hat da ein interessantes Projekt verfolgt. Für das von ihm herausgegebene Buch The Top Ten: Writers Pick Their Favorite Books befragte er 125 zeitgenössische Autoren nach ihren persönlichen literarischen Vorlieben, darunter auch Koryphäen wie Norman Mailer oder Jonathan Franzen. Eine Zusammenfassung findet sich bei brainpickings.org.

 

Natürlich ist es schwierig und in hohem Maße problematisch, Listen zu bilden, zumal auf künstlerischem Gebiet. Texte verweigern sich bekanntermaßen einer objektiven Bewertung und können auch nicht einem Sportwettkampf gleich gegeneinander antreten – auf dass am Ende der Beste gewinnen möge!

 

Selbst bei diesen gehen die Meinungen über „die beste Mannschaft“ ja trotz Sieg oder Niederlage oft auseinander. Sogar beim Fußball spielt der Geschmack eine gewichtige Rolle. Kurz und gut: Hierarchisierungen sind immer angreifbar, egal, wer sie erstellt hat. Keine Autorität ist stark genug, um die Menschen in Geschmacksurteilen zu überzeugen.

 

Dazu kommen noch die Definitionsschwierigkeiten beim Wörtchen „great“, wie es im Vorwort heißt – toll für mich oder für andere? Für die wohl meisten Menschen auf der Erde? Toll, gerade weil’s niemand offen toll findet? Jegliche Einschätzung, und sei sie auch noch so um Objektivität bemüht, kann sich einer zutiefst subjektiven Komponente nicht erwehren.

 

Trotzdem ein ehrgeiziges Unterfangen. Und wenn man davon ausgeht, dass gerade Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit am meisten lesen, da sie ständig auf der Suche nach Inspiration sind, die neuesten Trends verfolgen oder auch nur wissen wollen, was die Kollegen/Konkurrenten so treiben, kann man der Umfrage eine gewisse Repräsentativität sicherlich nicht absprechen.

 

Auf Platz eins der besten Werke aus dem 20. Jahrhundert steht beispielsweise Vladimir Nabokovs Lolita, Der Große Gatsby (Fitzgerald) oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Proust) folgen auf den Plätzen zwei und drei. Auch die Einschätzungen über das 19. lassen sich nachvollziehen: Anna Karenina, Madame Bovary und Krieg und Frieden – damit hätte man durchaus rechnen können.

 

Auffällig ist auf jeden Fall, dass sich die großen Deutschsprachigen gerade nicht in der Liste bzw. nur sehr weit unten finden. Franz Kafka kommt auf fünf unterschiedliche Nennungen seiner Werke, Thomas Mann auf vier (zum Vergleich. Shakespeare, die Nummer eins an Nennungen, kommt auf elf). Bei den Punkten insgesamt (wie auch immer sie zustande gekommen sind) findet sich in den Top Ten überhaupt kein deutschsprachiger Autor. Woran mag das liegen?

 

Zunächst ist man versucht, zu sagen: Klar, es gibt ja auch viel weniger Menschen, die des Deutschen mächtig sind. Aber gerade z. B. die russischen Realisten heimsen viele Punkte ein. Und obendrein werden Autoren oft auch übersetzt. Könnte es echt sein, dass Goethe und Schiller, so wichtig sie für das deutsche Selbstverständnis sind, über die heutigen Grenzen hinaus niemanden mehr so recht zu Höchstleistungen anspornen können?

 

Andererseits muss man auch sagen: Warum sich mit Goethe aufhalten, wenn man denn Shakespeare schon hat und mit Gewinn liest? Warum sich mit Fontane abmühen, wenn man stattdessen Dostojewski und Tolstoj haben kann? Warum Kafka anstatt Flaubert und Hugo? Und warum überhaupt Thomas Mann?

 

Aber, nun gut: Die Liste ist ja höchst subjektiv. Wirklich. Über alle Maßen. Von irgendwelchen dahergelaufenen Autoren, die ja gar nicht wissen, was ihnen alles entgeht.

 

Bild: Jim Monk (unter CC BY-NC-SA 2.0)

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