Die kleinste Einheit

Wie schaffen es manche Schreiber, ihre eigenen Wahrnehmungen so authentisch zu verkaufen, dass man meinte, man stände fast mit im Zimmer? Nehmen wir zum Beispiel Goethe. Bei einer oberflächlichen Recherche bei Amazon finden sich unzählige Biographien oder Ähnliches. Goethe und die Frauen. Goethe und Schiller. Goethe und die Klassik. Goethe und des Pudels Kern. Goethe und seine Briefwechsel. Goethe und seine Lebensgeschichte. Goethe – der Dichter in seiner Zeit. Das kann man alles lesen – aber wo anfangen? Letztendlich muss der Versuch scheitern, Goethe als Person komplett und in allen Facetten seiner Persönlichkeit zu verstehen.

Aber manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte, selbst wenn es nur ein sprachliches ist. Franz Grillparzer, dem großen österreichischen Dramatiker (Ein Bruderzwist in Habsburg, 1848, oder Die Jüdin von Toledo, 1855) – und mitunter auch Novellisten (Der arme Spielmann, 1847) – bleibt es überlassen, das Urteil über Goethe zu fällen:

„Von den Tischereignissen ist mir nur noch als charakteristisch erinnerlich, daß ich im Eifer des Gesprächs nach löblicher Gewohnheit in dem neben mir liegenden Stücke Brot krümelte und dadurch unschöne Brosamen erzeugte. Da tippte denn Goethe mit dem Finger auf jedes einzelne und legte sie auf ein regelmäßiges Häufchen zusammen.“

Ein Ausschnitt, ein Schlaglicht, eine subjektive Wahrnehmung – und doch schafft es dieser kurze Abschnitt, ein lebendigeres Bild vom Ollen Goethe™ zu zeichnen als das wuchernde Unkraut der biographischen Wut mancher Sachbuchautoren. Der lässt den armen Grillparzer nicht einfach nach dessen Gusto krümeln, dass es eine wahre Pracht ist, sondern maßt sich an, die Krümel sauber zu stapeln. Grillparzer ist fahrig, nervös. Goethe schafft Ordnung, Harmonie – nicht nur im großen kosmischen Zusammenhang, sondern bereits im Kleinen.

Dabei sollte man aber natürlich nicht stehen bleiben, wenn man nicht über rein anekdotische Kenntnis von Goethe oder auch anderer Personen der Geschichte haben möchte. Die kleinste beobachtbare Einheit kann lustig sein und ein nettes Schwätzchen auf Partys ermöglichen. Und in der Tat: Zum Kennelernen eines Dichters und seines Werks taugen die Worte, „die Hände und Füße haben“ (Luther) mehr als ein Berg von Fakte. Allerdings sollte man darauf achten, die Schablone von Zeit zu Zeit einer intensiven Prüfung zu unterziehen.  Man hat schon davon gehört, dass selbst Authentizität mitunter nur bloße Illusion ist.

Foto: 110112-A-1534M-031 von US Army Alaska  (unter CC BY 2.0, von mir bearbeitet)

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