Die Besten der Besten

Ich hab’s ja immer gewusst, und nun bestätigt irgendein beliebiger Artikel aus dem Internet ein Artikel der Plattform elitedaily.com meine Vermutungen: Why Readers, Scientifically, Are The Best People To Fall In Love With. Zusammengefasst: Wer liest, ist ein besserer Mensch. Und: Wissenschaftliche Studien belegen das. Aber: Zeitungen oder Sachbücher lesen allein reicht nicht, es muss schon Literatur sein.

 

In den Zeiten lustiger Memes, GIFs und klickgeiler Online-Nachrichtenportale stürben die alten (guten) Leser allmählich aus, genauso wie die sogenannten „voicemail leavers“ und „card writers“. Höchste Zeit also, sich so einen dieser Leser zu schnappen. Die sollen oft in Cafés, Kantinen oder an Stränden rumlaufen und man erkennt sie daran, dass sie eimer-, rucksäcke- oder kofferweise Bücher mit sich rumschleppen. Schnell zugreifen, bevor es zu spät ist.

 

Kein Wunder, dass alle Welt vereinsamt. Wer lieber einmalig ein paar Hundert Euro für einen E-Book-Reader ausgibt, anstatt immer wieder mit seiner Nachfrage die papierne Verlagsindustrie zu bedienen, braucht sich nicht wundern, wenn er hinterher ohne Seelenpartner dasteht. Wie sollte man mit seinem Gerät auch von den Legionen an Smartphone-Nutzern unterscheiden können, die ohne Unterlass ihre Katzenbilder und Buzzfeed-, Upworthy- oder heftig.co-Artikel austauschen?

 

Und nicht nur, dass diese Leute einsam bleiben: Die Welt wird generell zu einem schlechteren Ort. Denn gerade die Leute werden ja weniger, die „proven to be nicer and smarter than the average human“ sind. „Maybe the only people worth falling in love“ – gut, dass die bei elitedaily keine Neigung zu plakativen Äußerungen haben.

 

Sehen wir uns die Begründungen doch etwas genauer an:

 

[…] readers are more intelligent, due to their increased vocabulary and memory skills, along with their ability to spot patterns. They have higher cognitive functions than the average non-reader and can communicate more thoroughly and effectively.

Das sind alles sehr schöne Fähigkeiten, die man bestimmt aus der Lektüre schöner Bücher ziehen kann – aber eben nicht nur. Bestimmte Wissenschaftler, PR-Agenten oder Journalisten verfügen ebenfalls über einen großen Wortschatz, Ethnologen und Biologen erinnern sich besonderes an bestimmte Exemplare einer bedrohten Art – von der Fähigkeit von Mathematikern, Musikern oder Philosophen, Muster zu erkennen, ganz zu schweigen. Würde man jemandem höhere Gehirnleistung attestieren als Physikern wie Stephen Hawking? Der Schluss „It’s no surprise that readers are better people“ drängt sich nicht unmittelbar auf.

 

Dazu, so heißt es, lehre Literatur auch Empathie: Man leidet, liebt und lacht mit den Charakteren aus seinen Büchern und kann sich in der Folge viel besser in seine Mitmenschen hineinversetzen. Dieses Argument lässt sich schon allein in logisch-mathematischer Hinsicht entkräften, da allein ich schon mindestens eine Person kenne, die Literatur zu schätzen weiß, aber auf zwischenmenschlicher Ebene unglücklich, um nicht zu sagen: unsensibel, agiert. Empathie kann man bestimmt auf andere Arten noch besser lernen als über Literatur.

 

Vielleicht ist dies der einzige Satz aus dem Artikel, dem man uneingeschränkt zustimmen kann:

 

[…] reading is something that molds you and adds to your character.

Was genau es hinzufügt und in welche Richtung es einen formt, lässt sich aber nicht sagen. Allein die Bereitschaft, sich auf diese Veränderung einzulassen, zeugt schon von einer Offenheit, die man darüber hinaus nicht mehr glorifizieren muss.

 

Bild: lovers moments +4 inside // CC BY-NC-SA 2.0

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