Lewis Carroll und seine hoffnungslose Mission

Kein Mensch versteht ja mehr Philosophie. Bzw. jeder hat ja heute eine eigene. Früher hat man das von Experten machen lassen: Kant, Hegel, Nietzsche – Namen wie Donnerhall. Heute kann man denen nichts mehr abgewinnen. Jede Zeit hat die Philosophen, die sie verdient, und die Philosophie des 21. Jahrhunderts ist wohl eine Mischung aus Fußballtaktik und simplen Lebensregeln (“Kein Bier vor vier!” oder “Nicht alles durcheinander trinken, das ist meine Philosophie.”).

Dass es nicht so weit kommt, dafür hatte einer einmal alles versucht: Charles Lutwidge Dodgson, oder – wie er sich auch nannte – Lewis Caroll, besser bekannt als Autor von Alice im Wunderland. Er war sehr zurückhaltend und blühte nur so richtig auf, wenn er mit Kindern zu tun hatte – so albtraumhaft die Alice-Bücher an manchen Stellen auch sind.

Warum? Dodgson lag sehr viel daran, dass schon Kinder sich mit Logik beschäftigen, seiner Leidenschaft. Darum schrieb er das Spiel der Logik, eine Mischung aus philosophischem Lehrbuch und Brettspiel. Das Buch beschäftigt sich nicht mit dem, was landläufig unter „Logik“ firmiert („Wenn du dein Auto hier parkst, brauchst du dich nicht wundern, wenn du einen Strafzettel kriegst!“), sondern mit klassischer Logik, also Präpositionen, Implikationen, logischen Schlussweisen und einfachen Syllogismen. Wer als Erwachsener das Buch mal in die Hand nimmt, stößt auf Sätze wie den hier:

„Alle xm sind y“ enthält „Einige xm sind y“, was „Einige x sind y“ enthält. Oder, in Worten ausgedrückt, „Alle regnerischen Tage sind ermüdend“ enthält „Einige regnerische Tage sind ermüdend“, was „Einige Regenperioden sind ermüdend“ enthält“

Tja. Selbst wer kein Logikstudium hinter sich hat, kann das mit mehr oder weniger großem Aufwand verstehen. Aber der Satz steht ziemlich am Anfang des Buchs. Und das, man kann es nicht oft genug wiederholen, war für Kinder gedacht.

Logik für Kinder? Ist das nicht etwas weltfremd? Immerhin ist es sympathisch: mal ein Philosoph, der ein Buch für Kinder schreibt. Wie schön, dass Caroll das getan hat, und nicht etwa Hegel oder Jürgen Habermas. Und vielleicht liegt es auch an den heutigen Erwachsenen. Vielleicht sind die müde geworden im Kopf, zu faul. Vielleicht versuchen sie gar nicht mehr, Gedanken zu verstehen, die ein bisschen komplizierter sind als üblich. Und obendrein sehr nützlich. Denn wer sich mit Logik beschäftigt, hat etwas davon:

„Bändige einmal die Maschinerie der Logik und du hast stets eine geistige Aufnahmefähigkeit von faszinierender Intensität zur Hand, die dir bei jedem Thema, dem du dich zuwendest, wirklich nützlich sein wird.
Sie wird deinen Gedanken Klarheit verschaffen – die Fähigkeit durch Wirrnis deinen Weg zu sehen – die Gewohnheit deine Gedanken in einer methodischen und verständlichen Form zu ordnen – und, wichtiger als alles andere, das Vermögen Trugschlüsse nachzuweisen und die dürftigen unlogischen Argumente, auf die du unaufhörlich in Büchern, Zeitungen, Reden und sogar in Moralpredigten treffen wirst, in Stücke zu reißen…“

Wer weiß. Dodgson war womöglich weltfremd, eventuell auch nur verschusselt oder pentrant. Aber er war es aus einem Glauben an das Beste in den Menschen. Und da hielt er sich nicht mit Erwachsenen auf. Die konnte man eh schon abschreiben.

So haben das nicht viele gesehen. Bei einem Urlaub am Meer nervte Dodgson die Tochter eines Bekannten mit dem Spiel der Logik. Irene Barnes hieß sie und war damals 15. Später wurde sie Schauspielerin und sagte dann über den armen Dodgson (der es ja nur gut gemeint hatte):

„Er empfand eine tiefe Liebe zu Kindern, aber ich glaube, er verstand sie nicht besonders.“

Das, aber, ist natürlich falsch.

Bild: Alice’s mad tea party von John Tenniel

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