Auf der Suche nach dem Kunst-Molekül

Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen. Warum können ein paar zusammengeschweißte Metallteile mit 200km/h über die Autobahn brettern? Warum kann man mit ein bisschen Plastik und Silizium im Internet surfen? Und warum quietscht die Erdachse nicht, wenn sie doch nie geschmiert wird? Man ahnt, dass mehr dahinter steckt. Aber früher oder später muss man sich damit abfinden: Der eigene Horizont ist beschränkt.

 

Und dann natürlich noch: Wie kommt die Kunst in die Bücher hinein, in Filme, Konzerte und Gemälde? Der englische Fantasy-Autor Terry Pratchett (von dem ich das Erdachsen-Beispiel schamlos geklaut habe) ging dieser Frage nach: 2002 in seinem Buch Der Zeitdieb (im Original The Thief of Time, 2001). Darin versuchen die Revisoren die Menschen zu verstehen. Die Revisoren achten darauf, dass im Universum alle Regeln eingehalten werden. Jedoch: Egal, wie perfekt sie planen – die Menschen machen jeden Plan zunichte. Also versuchen die Revisoren herauszufinden, warum. (Nebenbei planen sie auch, die Menschheit auszulöschen, aber das nur am Rande.) Sie nehmen menschliche Gestalt an und analysieren, warum die Menschen tun, was sie tun. Warum sie essen, schlafen, miteinander plaudern. Oder Gemälde malen:

 

Der Rahmen von etwas, das einmal Sir Robert Spucknapfs Im Fluss feststeckender Karren gewesen war, lehnte vor ihr an der Wand, ohne das Bild. Die leere Leinwand ruhte sorgfältig zusammengerollt daneben. Vor dem Rahmen lagen Pigmenthaufen, nach Größe sortiert. Einige Dutzend Revisoren zerlegten sie in ihre molekularen Bestandteile.

„Noch immer nichts?“, fragte Frau Rötlich-Orange und ging an der Reihe entlang.

„Nein, Frau Rötlich-Orange“, antwortete ein Revisor mit vibrierender Stimme. „Bisher haben wir nur bekannte Moleküle und Atome gefunden.“

„Hat es vielleicht etwas mit den Proportionen zu tun? Mit der molekularen Balance? Der grundlegenden Geometrie?“

„Wir versuchen…“

„Macht weiter!“

Natürlich sind die Revisoren nicht erfolgreich: Sie finden kein „Kunst-Molekül“ und auch kein „Menschlichkeits-Molekül“. Am Ende werden die Wächter des Universums übrigens vernichtet, weil sie vom Leben als Menschen überfordert sind. Es ist nicht die Kraft der Kunst oder sonstiger großer Errungenschaften der Zivilisation, die sie auslöscht. Den weltfernen Revisoren explodieren förmlich die Köpfe, als sie Schokolade essen. Jede Gesellschaft hält sehr viel auf ihre Künstler und Denker, sagt uns Pratchett, aber in Wirklichkeit ist deren Einfluss begrenzt.

 

Das ist eine von Terry Pratchetts Lieblingsbeschäftigungen beim Schreiben: Entlarven und Enttäuschen, und zwar auf humorvolle Weise. 40 Romane hat er bislang geschrieben, die in einer Fantasiewelt, der Scheibenwelt (engl. discworld) spielen. Sie wurden in Dutzende Sprachen übersetzt, über 60 Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft. In jedem Roman steht ein anderes Thema im Vordergrund: Zeit, Kunst, Diplomatie, Religion etc. Mich erinnert das an ein anderes Großprojekt, nämlich an Balzacs Menschliche Komödie: 91 Romane, geschrieben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein Panorama der zeitgenössischen französischen Gesellschaft.

 

Einen guten Ruf hat Pratchett in Deutschland nicht. Das liegt zunächst einmal an den bunten Comic-Covern seiner Bücher (siehe auch das Beitragsbild). Hier gilt das als unseriös, als Schund. Dazu kommt, dass in Deutschland die Trennung von „Kunst“ und „Unterhaltung“ viel stärker ist. Unterhaltung, das sind E-Gitarren, Mario Barth und Fußball. Künstler darf sich nur schimpfen, wer Konzertpianist oder Maler ist, oder ein ernst dreinblickender, weißhaariger Opa mit Pfeife. (Nein, Lionel Messi und Zinedine Zidane sind keine Künstler!)

 

Die Engländer lassen dagegen auch Graubereiche zu. Wo gelacht wird, wendet sich der Bildungsbürger nicht angewidert ab. Humor und Hochkultur schließen sich nicht aus. Umgekehrt gilt das genauso: Nicht alles, was ernst daherkommt, ist bedeutungsvoll. Nicht alles, was langweilig ist, ist auch seriös.

 

Die Menschen sind in so vieler Hinsicht beschränkt, Schriftsteller müssen irgendwie mit den menschlichen Schwächen umgehen. Sie können so tun, als käme in den Schwächen eine tiefliegende, philosophische Bedeutungsschwere zu Ausdruck. Tragik, Weltschmerz, Unendlichkeit. Die Menschen verstehen die Welt, in der sie leben, so oft nicht.

 

Die Schwelle zum Banalen ist dann aber schnell überschritten. Nicht hinter allem, was banal ist, versteckt sich eine tiefere Wahrheit. Drum ist es ganz sympathisch, die Schwächen auch mal humorvoll anzusehen. Die Menschheit ist nun mal beschränkt. Wer Terry Pratchett liest, könnte sagen: herrlich beschränkt.

 

Bild: Ausschnitt des Covers zum Zeitdieb von Josh Kirby

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