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Wettstreit der Kreativität: Ruth und Pete vs. Tom und Anna

Macht es  Bücher besser, wenn jemand Kreatives Schreiben studiert hat? Zwei amerikanische Forscher haben herausgefunden: Nein. Schade, aber musste ja so kommen.

Früher™! Wir hatten ja nichts, aber gerade drum war vieles besser. Brezen gab es nicht aus dem Schnellbackofen, und trotzdem waren sie ofenfrisch, oft tagelang. Fußballer waren trickreich und wendig, weil sie alles auf der Straße lernten und nicht in Internaten. Und Schriftsteller schrieben wunderbare Bücher, einfach weil sie lebten und dabei gut aufpassten.

Und heute? Wer schreiben will, kann das in Kursen lernen. Oder sich an den Unis in Leipzig oder Hildesheim einschreiben und Kreatives Schreiben studieren. Oder in den USA einen „master of fine arts“ (MFA) machen. Kritiker sagen: Feinsinnige Kunst kann man weder lehren noch lernen. Und wenn doch, dann nicht so. Die Institute produzieren also nicht mehr als solide, aber einfallslose Massenware.

Der Anglist Richard Jean So von der Universität Chicago und der Literaturwissenschaftler Andrew Piper von der Universität Montreal wollten es aber genauer wissen. Irgendetwas muss es mit dem MFA doch auf sich haben. Irgendwo muss sich doch ein Effekt auf die Literatur ablesen lassen. „Warum sonst würden so viele Menschen für diese Studiengänge zahlen?“, schreiben sie in ihrer Untersuchung.

Die Forscher haben Romane von 20 Autoren, die einen MFA haben, mit den Romanen von 20 „normalen“ Autoren verglichen, also Autoren, die keinen haben. Beziehungsweise: Jean So und Piper haben ihren lernfähigen Computer damit gefüttert und diesen dann alles auf Wortwahl, Stil, Thema, Handlungsorte etc. hin abklopfen lassen. Damit sollte dann geklärt werden, wer die besseren Bücher schreibt.

Was? Aber Romane bestehen doch aus viel mehr als nur aus diesen Teilen! Was einen Roman zu einem großen Roman macht, ist doch… Halt, jaja. Das ist den beiden schon auch klar. Zitat:

„Es ist vollkommen klar, dass Romane aus viel mehr bestehen als nur diesen Teilen. Was einen  Roman zu einem großen Roman macht, also was, sagen wir, Junot Diaz [ein US-amerikanischer-dominikanischer Schriftsteller] wie Junot Diaz klingen lässt, ist natürlich größtenteils nicht messbar. Aber diese Bestandteile bleiben die fundamentalen Bausteine eines Romans. Sollten sich also die MFA-Bücher insgesamt von den Büchern der Autoren ohne MFA unterscheiden, sollte das zumindest in Ansätzen auf dieser untersten Prosaebene erkennbar werden.“

Kann das klappen? Kann der Computer mehr, als nur stur Wörter zu zählen? Und lässt sich überhaupt etwas über die literarische Qualität sagen – wo doch der kritische Punkt nicht zu fassen ist, an dem ein Text zu guter Literatur wird?

Natürlich nicht. Und das wissen auch die Forscher, die sich trotzdem den Spaß gönnen. Es geht los mit der Auswahl der Schreibenden, die alles andere als repräsentativ ist:

„Um die beiden Gruppen so vergleichbar wie möglich zu machen, haben wir nur Romane von Autoren ohne MFA ausgewählt, die in der New York Times besprochen wurden. Das nahmen wir als Ausweis literarischer Qualität.“

In der Literaturredaktion der NYT sitzen aber auch nur wieder Menschen mit Vorlieben, Abneigungen und Geschmäckern. Letztlich könnte die Studie eher Aufschluss darüber geben, welche Romane die Redaktion gut findet, nicht aber, ob sich unter den Autorengruppen ein signifikanter Unterschied ergibt. Egal. Der Computer spuckt erstaunliche Beobachtungen aus:

„Die Autoren mit MFA konzentrieren sich eher auf Vorgärten, Seen, Tresen, Mägen und Handgelenke. Sie bevorzugen Namen wie Ruth, Pete, Bobby, Charlotte und Pearl. Autoren ohne MFA scheinen Anna, Tom, John und Bill zu mögen. […] Autoren mit MFA benutzen Adjektivpaare und Adverben eher selten. Auch meiden sie klarere Strukturen wie etwa ein Nomen gefolgt von einem Verb im Präsens.“

Auch die Erwartung wird enttäuscht, dass sich Absolventen von Schreibschulen eher mit den blinden Flecken in der Wahrnehmung von Ethnien und Rassismus beschäftigen würden. Und überhaupt ist die Mehrheit der Protagonisten männlich (Non-MFA: 99%; MFA: 96%; „Das sind in jeder Hinsicht schreckliche Quoten.“)

Das Ergebnis ist am Ende, dass es keines gibt. Die Texte der beiden Autorengruppen unterscheiden sich überhaupt nicht.

„Wenn man es positiv ausdrücken will, könnte man sagen: Die Uni-Abschlüsse helfen den Autoren, sich in die literarische Landschaft einzupassen. […] Im schlechtesten Fall haben die MFAs überhaupt keine Auswirkung.“

Dass sich die Ausbildung nicht mit einem Computer aus den Texten herausfiltern lässt, könnte man am Ende auch gut finden. Oder anders gesagt: Wie oft hat man je von einem Autor gehört, der die Literatur revolutioniert hätte, indem er so tolle andere Wörter verwendet oder seinen Protagonisten fancy Namen gegeben hätte?

Natürlich gibt es mehr schlechte, mehr langweilige Bücher als je zuvor. Das liegt daran, dass es heute von allem mehr gibt als früher. Man muss dieses Mehr vom Gleichen aber nicht den Schreibschulen vorwerfen. Naja, aber wenn man es tut, darf es ruhig unterhaltsam sein.

Bild: Laboratory von Nina (cc by 2.0)

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Glavinic über die Abenteuer einer Fliege

„Aber das war eben die Literatur der Stunde und derlei sollte noch viel mehr nachkommen: dünne Bücher über Bleistiftspitzen und die minutiöse Schilderung der Abenteuer einer Fliege an einer Glasscheibe. […] Aber Literatur ist Erzählen. Wer nur beschreibt, redet letztlich vor sich hin, wer aber erzählt, der verwandelt seinen Leser in einen sympathischen Mörder, in eine unglückliche alte Frau, in eine Person aus einem anderen Jahrhundert oder auch in einen Außerirdischen. Wer nur beschreiben will, ist beim Verfassen von medizinischen Beipackzetteln besser aufgehoben. Wer erzählen will, sollte etwas zu sagen haben, er sollte aus einem großen Maß an Lebensrealität schöpfen können.“

Thomas Glavinic im Literatur Spiegel (11/2016): Erektile Dysfunktionen. (Über Jörg Magenaus Buch Princeton 66, das von der Amerikareise der Gruppe 47 handelt. Das Zitat bezieht sich natürlich auf die Gruppe 47, nicht auf Magenaus Buch.)

Bild: Fly von Radu Privantu (cc by 2.0)

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Plötzlich im Rollstuhl

Ist Literatur über Behinderungen nur gut, wenn sie den Alltag der Behinderten angemessen wiedergibt? Nein. Wie jede Literatur richtet sie sich an alle.

Was wäre, wenn ich morgen eine Behinderung hätte? Diese unbequeme Frage stellten sich Mitte Januar vier Menschen: die Filmemacherin Doris Dörrie, der Journalist Axel Rühle und die Schriftsteller Lena Gorelik und Frédéric Valin. Es war ein Experiment in der Veranstaltungsreihe „Was geht? Kunst und Inklusion“. So schwierig es ist, im Alltag über Behinderungen zu sprechen – kann man vielleicht darüber schreiben, auch ohne Behinderung? Um die Texte gebeten hatte der Moderator des Abends, Maximilian Dorner, ein Schriftsteller, der oft über Behinderung schreibt.

Ist das Experiment geglückt? Schwer zu sagen. Die Schreibenden hatten damit große Probleme. Zunächst wirkt das merkwürdig. Wer Drehbücher oder Romane schreibt, sollte sich doch auch eine Behinderung ausmalen können. Einfach die Fantasie schweifen lassen, so wie immer. Und Journalisten wie Rühle sollten zwar ihre Fantasie nie zu sehr schweifen lassen, aber auch sie haben Übung darin, Vorstellungen, Gedanken und Erinnerungen klar auszudrücken, sich in Themen zu versenken, die sich sperren.

Trotzdem sagte jeder vor dem Lesen einige entschuldigende Sätze. Es sei natürlich schwierig, es sei vermessen, eigentlich sei es eine unmögliche Aufgabe, aber man habe ja nun dem Abend zugesagt, oh je, man habe… Man sah, wie heikel das Thema ist. Aber das zu hinterfragen, auch das war ein Anliegen des Abends.

An sich ist es ganz klar: Natürlich kann man Literatur über Behinderung schreiben, selbst wenn man selbst keine Behinderung hat. Das geht, weil man über alles schreiben kann. Punkt. Aber: Natürlich kann man es sich nicht vorstellen. Die Vorstellungskraft hat Grenzen. Man kann sich Augen und Ohren zuhalten, in einen Blinden oder Tauben einfühlen kann man sich so aber nicht. Ein Sehender weiß, dass er wieder sieht, wenn er die Augen aufmacht. Eine Frau, die sich beide Beine bricht, weiß, dass sie in zwei Wochen wieder wird laufen können.

Die Schreibenden mussten sich also wie Betrüger fühlen, die eine Übung nur mangelhaft erledigt hatten. Und da jede Übung einen Übungsleiter hat (oder mehrere), mussten sie sich vor denen verantworten. In dem Fall waren das die Menschen mit Behinderungen im Publikum. Die wenigen Meldungen des Abends beschäftigten sich fast ausnahmslos damit, dass irgendetwas in den Texten gut getroffen war, dass sich Menschen darin wiedererkannten. Nachdem Lena Gorelik als Letzte ihren Text über Gehörlosigkeit gelesen hatte, las Moderator Dorner noch eine E-Mail vor. Die hatte er von einem befreundeten Gehörlosen bekommen, der Goreliks Text lobte. Der Text beschreibe sehr gut die Gefühle, die man als Gehörloser haben könne, schrieb der Freund. So bekamen die Texte ein Gütesiegel: „von Menschen mit wirklicher Behinderung für gut befunden“. Alle nicken zufrieden.

Das ist schade, denn das kann nicht alles sein. Ob die Texte gut waren, lässt sich nicht daran messen, ob sie das wirkliche Leben angemessen wiedergeben. Wäre das so, dann dürften etwa allein Kommissare der Kripo darüber urteilen, ob dieser oder jener Tatort gut war. Oder Ärzte über Arztserien. Der Hauptkommissar kann sagen: Ich finde meinen Alltag im Tatort gut wiedergegeben. Ein Arzt klagt, der Bergdoktors sei lächerlich, besagter Doktor habe ja kaum geregelte Sprechzeiten. Ist der Tatort also gute Fernsehunterhaltung, der Bergdoktor nicht?

Filme, Serien, Literatur richten sich nicht nur an Experten, sondern an alle. Warum sollten nur Menschen mit Behinderung darüber entscheiden, was gute Literatur über Behinderung sein soll?Gesteht man Behinderten das ultimative Urteile über Kunst zu, die Behinderungen zum Thema hat, verabschiedet man sich vom Gespräch mit ihnen. Dann klebt man der Kunst ein Etikett an, auf dem steht „Bitte wie Kunst behandeln!“ und stellt noch einen Wachmann dazu, der die Einhaltung streng überwacht.

Sie wird so zur Kunst, die keinerlei Berührungspunkte mit meinem Leben hat, die ich schulterzuckend hinnehmen muss. Inklusion findet dann nicht statt, sondern gerade das Gegenteil. Sicherlich können auch Menschen, die im Alltag nicht behindert werden, interessant davon erzählen, was sie im Umgang mit diesen erleben, was sie denken, welche Angst sie haben. Wie jede ernstzunehmende Literatur wendet sich die Literatur über Behinderung an alle. Jeder darf eine Meinung dazu haben. Nur eine Diskussion muss man dann auch aushalten können.

Bild: Wheelchair on the beach von kris krüg (cc by nc 2.0)

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Lügentexte, Lügentexte!

Was haben Journalisten mit Schriftstellern gemein? Sie lügen! brüllen einige los. Fest steht: Sie sagen nie die ganze Wahrheit. Das hat aber nichts mit Weltanschauung zu tun, sondern mit dem Schreiben an sich.

Manchmal stößt man dort auf Literatur, wo man sie gar nicht vermutet hätte, wie Kinder unter Steinen auf Käfer. Zum Beispiel bei den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, einer Seite, die keinen besonders seriösen Ruf zu verlieren hat. Viele Einträge weisen überzogen auf angeblich dramatische Gefahren hin, aber weil Menschen eben gerne Drama haben, wird das auf Facebook geteilt wie blöd. Ein Artikel widmet sich dem deutschen Finanzminister, Wolfgang Schäuble. Der hat die Sparguthaben der Deutschen verschleudert, und zwar indem er einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte. Man muss jetzt einen Moment ausklammern, dass man das natürlich anzweifeln könnte, sogar wenn man kein Experte ist. Ich möchte auf etwas anderes hinaus. Zitat:

„Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten haben bei Kreditentscheidern, Anlageberatern und Bankern nachgefragt, wie sie – und vor allem die für die Kredite entscheidenden Rating-Agenturen die öffentliche Bekanntmachung des „Bundesministers der Finanzen“ lesen. Die Antwort, die wir von einem Banker bekommen haben, war eindeutig“,

so steht es da. Leider ist nun nicht alles so eindeutig, wie es scheint. (Das ist es ja selten.) Denn die Stelle wirft tausend neue Fragen auf: Warum zitiert der Artikel nur aus einer Antwort, wo die DWN doch so viele Experten gefragt haben? Wäre es nicht objektiver, einen schönen Querschnitt zu liefern? Wenn die Fakten eindeutig sind – was könnte es denn schaden? Wie lauten die anderen Antworten? Warum wurden sie weggelassen? Gab es nur eine Antwort? Gab es nur eine Antwort mit diesem Inhalt? Warum wird die Quelle nicht namentlich benannt, nicht einmal grob umrissen, was für ein „Banker“ das eigentlich ist? Und und und… Die DWN verlangen von ihren Lesern schon einen recht großen Vertrauensvorschuss.

Aber an sich ist das auch ganz normal etwas, was man beim Schreiben tun muss: Man schreibt etwas, lässt anderes weg, bringt alles in eine gewisse Reihenfolge, man bewertet. Schreiben bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Der Journalist hat ja nur eine Zeitungsseite Platz, die Schriftstellerin will nicht, dass ihr Roman ausufert. Niemand kann alles beschreiben, unabhängig davon, ob die Handlung ausgedacht ist oder jemand sie in der echten Welt beobachtet hat. Darum erkennt man Schreibende oft auch an zerkauten Fingernägeln, an einem irren Kichern oder einem merkwürdig unsteten Blick.

Neben dem Platzproblem gibt es noch das mit der Gleichzeitigkeit. Vieles in der Welt passiert gleichzeitig. Text dagegen funktioniert linear, Satz nach Satz, Wort folgt auf Wort. Es gibt immer eine Hierarchie, allein schon chronologisch. Sitzen zwei Politiker auf einem Podium, muss ich trotzdem einen zuerst nennen. Und dann die gleichzeitige Anwesenheit mit Worten auszudrücken, obwohl beim Lesen auch noch Zeit vergeht – das ist unmöglich. Dieses Problem beschäftigt Künstler schon seit Jahrhunderten, gelöst hat es bisher niemand.

Wie eine Filmkamera zeigen Schreibende nur einen Ausschnitt, und manchmal ist es gerade der Bereich hinter der Kamera, der interessant wäre. Alles, was geschrieben wird, wirft die Frage auf: Warum das, und nicht etwas anderes? Jedes Wort schafft Gesprächsbedarf, in jedem Wort wuchern Assoziationen wie Bakterienkulturen. Die Wirklichkeit ist nicht Text, Text ist nicht die Wirklichkeit. Es kommt immer zu Übertragungsverlusten. Journalisten versuchen, das Problem klein zu halten, auch wenn es nie verschwindet. Dann versehen sie es mit einem Warnschild: Sie sagen, warum sie mit jemandem sprechen, warum die Kamera etwas zeigt, warum man da ist, wo man ist. Schriftsteller und die Autoren der DWN haben dieses Problem auch, aber sie spielen damit. Künstler tun es mit Gewinn, die DWN auf Kosten der Seriosität.

Bild: Journalist von Esther Vargas (cc by sa 2.0)

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Schön gesagt (3)

Durs Grünbein schreibt Gedichte, aber darum geht es nicht. Er hat zwar einen neuen Gedichtband herausgebracht. Aber schöner noch als Grünbeins Zeilen ist das, was dazu online bei der Frankfurter Allgemeinen zu lesen ist. Und man muss auch gar nicht weit lesen. Der Teaser reicht schon:

grünbeinIm Buch steckt mehr, als gesagt wird. Das ist nicht nur bei Grünbein so, sondern auch bei vielen anderen Büchern. Aber im Buch steckt mehr, als gesagt wird. Acht Wörter sind das. Es ist vermutlich die klarste (und zugleich kürzeste) Literaturtheorie, die jemals entworfen wurde. Ein Satz, auf dem Karrieren aufbauen, nämlich die von Kritikern und die von Professoren. Aber im Buch steckt mehr, als gesagt wird. Potz Wetter, das ist wahr. Und darum geht es doch.

Bild: Denis-Carl Robidoux (cc by-nc 2.0)

 
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Wann hat man den Nobelpreis verdient?

Ein großer Vorteil des Nobelpreises ist, dass er uns Entscheidungen abnimmt und Fragen beantwortet. Was ist große, gute Literatur? Welche Autorin muss man kennen? Welche Romane werden die Zeit überdauern? Mag ja sein, dass das Nobelpreis-Komitee das nicht erkennt, sondern selbst Fakten schafft. Und trotzdem: Es gibt einfach viel zu viel, den Überblick zu behalten ist unmöglich. Schön, dass das Komitee uns diese Arbeit abnimmt.

Aber so einfach ist es nicht. Tut es das? Ob die Richtigen die Preise kriegen, darüber ist man sich meistens uneinig. Jüngstes Beispiel: Swetlana Alexijewitsch, die Siegerin dieses Jahr. Das Problem: Sie hat keine Romane geschrieben, sondern anderes. Interviews, Collagen, Reportagen, viel journalistische Arbeit. Hat sie dafür einen Literaturpreis verdient, den wichtigsten gar? Manche sagen ja, manche sagen nein. Einen Überblick über die Diskussion gibt zum Beispiel Perlentaucher hier.

Es ist interessant, sich die Argumente jeweils genauer anzusehen. Die erzählen nämlich mehr von dem, der sie ausspricht, als dass sie die Frage – Literatur oder nicht? – beantworten würden. Welche Vorstellung hat jemand von Literatur, welche Kriterien müssen erfüllt sein, wann ist etwas große Kunst, wann nur Reportage?

Schauen wir uns Iris Radischs Meinung an, Redakteurin für Literatur bei der ZEIT. In der Ausgabe 42/2015 spricht sie sich gegen Alexijewitsch als Nobelpreisträgerin aus. Die habe nur Dokumente, Protokolle, Zeitzeugenberichte arrangiert. Das Ergebnisse seien auch „hochbedeutsame[…] Zeugnisse[…] der Sozial- und Zeitgeschichte“. Aber:

„Gemessen an den Kriterien des klassischen Literaturbegriffs, der darauf besteht, dass es sich nur dann um einen literarischen Text handelt, wenn eine weltverwandelnde und genuin schöpferische Leistung vorliegt und Einbildungskraft, Fantasie und Imagination zum Einsatz kommen, ist diese Preisvergabe jedoch reiner Unfug.“

Wir halten fest: weltverwandelnde, genuin schöpferische Leistung, Einsatz von Einbildungskraft, Fantasie und Imagination – fertig ist die Literatur.

Aber wer kann sagen, was die Welt verwandelt, sie verzaubert? Können politische Reportagen das nicht auch? Und haben nicht gerade Journalisten manchmal pfiffige Ideen und beschreiben fantasievoll und voller Einbildungskraft? Und gibt es nicht auch collagierte Romane? Besteht nicht zum Beispiel Frank Witzels Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, immerhin gerade mit dem Deutschen Buchpreis augezeichnet, auch zu einem großen Teil aus Collagen und verschiedenen Textsorten?

Man sollte Materialcollagen nicht literarische Meisterwerke nennen, schreibt Radisch. Ansonsten verzichte man auf alle Kriterien für große Literatur. Sich an solche zu halten, ist aber auch gar nicht Aufgabe des Nobelpreis-Komitees ist. Das hält sich an Alfred Nobel, und der hat das so nicht aufgeschrieben. Den Preis kriegt, wer „in the literary field“ gearbeitet und dabei „the most outstanding work in an ideal direction“ geschaffen hatte. Was dieses „field“ ist und was die „ideal direction“ – puh, gute Frage. „Tatsächlich erscheint die Geschichte des Literaturpreises als eine Reihe von Versuchen, ein unpräzise formuliertes Testament zu interpretieren“, erklärt das Komitee auf seiner Homepage und gemeint ist das Testament Nobels.

Aber dort steht auch: Mit dem Preis werden ausgezeichnet „not only belles-lettres, but also other writings which, by virtue of their form and style, possess literary value“ – für den Nobelpreis braucht es also literarischen Wert. Allerdings kann der nach Nobel auch durch die „Tugend in der Form und im Stil“ entstehen („virtue“ mit „Tugend“ übersetzt, auch darüber kann man streiten). Also alles ok mit Alexejewitsch. Keine Rede von genuin schöpferischer Leistung, Einbildungskraft oder Fantasie. Radisch hatte einfach versucht, den Preis besser zu verstehen als sein Stifter.

Welche Lehren zieht man daraus? Hätte Nobel seinen Preis also doch besser „Not-only-belles-lettres-but-also-other-stuff-Preis“ genannt! Aber das war halt etwas zu sperrig. Und dieser Mut zur Kürze lässt Missverständnisse wachsen. Man kann sagen: Die Vergabekriterien für den Nobelpreis werden an dem Tag endgültig und zur Zufriedenheit aller feststehen, an dem das Komitee den letzten Willen eines Mannes geklärt hat, der seit über 100 Jahren tot ist und auf Papier nicht allzu viel hinterlassen hat. Das wäre dann auch das Ende des Preises. Und aller Literatur.

Bild: Erik F. Brandsborg, Aktiv I Oslo.no (cc by-nc-nd 2.0)

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The dark knight

Über die Hashtags #refugeesnotwelcome und #BILDnotwelcome ist in den letzten Tagen schon alles geschrieben worden. Zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier oder hier. Viele Menschen gewannen einen Einblick in das Denken des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann, so dachten und denken sie zumindest. Und dieser Einblick sei sehr entlarvend, hieß es oft. Eben wie bei den unzähligen anderen Entgleisungen und Provokationen Diekmanns. 

Warum macht der sowas? Ist Diekmann wirklich einfach von Grund auf böse, unverbesserlich und ein schlechter Mensch? Er twittert böse, weil er böse ist? Möglich wärs, natürlich. Aber auch naheliegend und darum langweilig. Hat er keine Umgangsformen gelernt? Kann er nicht mit der Technik umgehen? Hat ein noch viel böserer Mensch seinen Account gekapert?

Allein, wir werden es nie erfahren. Bis vor kurzem dachte ich ja noch, er macht das, weil er die Empörung genießt, die er auslöst. Oder sie belustigt zur Kenntnis nimmt. Einfach, weil er mit 140 Zeichen oder weniger Chaos auslösen kann, Hunderte Artikel bei Zeitungen und Blogs, Tausende Kommentare. Vielleicht hat irgendwann die Neugier über den Anstand gesiegt: Lässt sich das Chaos wirklich beliebig oft wiederholen?

Dann wurde ich auf eine Parallele aufmerksam, zu Batman. Batman – The Dark Knight, von Christopher Nolan (2008). Einerseits juble ich als Betreiber eines kleinen Literaturblogs natürlich immer, wenn sich in der Realität dramaturgische Muster abzeichnen. Andererseits lassen sich hier besonders tiefe Erkenntnisse gewinnen, ja die wahren entlarvenden Einblicke sogar.

Hier kann man sich das Ende des Films ansehen. Kurz gesagt: Batman nimmt ein paar Morde auf sich, damit der öffentliche Friede in Gotham City gewahrt bleibt. Aus einem Kindermund vernehmen wir die Wahrheit: „Why is he running? He didn’t do anything wrong.“ und der Vater erklärt: „Because we have to chase him.“

Was man nicht alles aus Filmen lernen kann. Vor diesem Hintergrund muss man ehrerbietig seinen Hut ziehen vor KD, der kein Held sein will und auch kein Held ist. Mehr so ein silent guardian, ein watchful protector, ein dark knight eines anderen kleinen Gemeinwesens, das da heißt: deutsche Medienlandschaft. Einer, der es aushalten kann.

He is the hero Gotham deserves, but not the one it needs right now.

Beitragsbild: Mit Material von hier und hier

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„Ich muss irgendwie einen Weg finden, wie ich irgendwas sagen kann, ohne dass mir das gleich als eine eigene Meinung ausgelegt wird. Nicht? Was irgendwie interessant klingt, aber so, dass es keiner versteht. Verstehst? Dann sind nämlich die anderen die Deppen, und das ist das Wichtigste, verstehst? Dass nicht ich am Schluss der Depp bin, sondern die anderen.“

Franz Münchinger alias Helmut Fischer über elitäre Kennerschaft, Kulturbetrieb und Germanistikseminare (Stelle auf Youtube, dauert ein paar Sekunden, bis YT auf die Stelle spult)

Bild: Denkmal an der Münchner Freiheit von Accu (cc by-sa 3.0)

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Leyla und das Nachwort im Kopf

Manchmal trägt man Bücher mit sich herum wie uneingelöste Versprechen. Man fängt an zu lesen. Und hört wieder auf. Etwas kommt dazwischen, man gerät aus dem Fluss. Und dann schrecken einen die 600 Seiten wieder ab. Nach drei Monaten ein neuer Versuch. Aber man schafft den Anschluss nicht, man fängt von vorne an. Und hört wieder auf.

Auf Facebook posten Menschen ihre Lese-Competitions. Ende Juni heißt es stolz: Wow, I’ve mastered 40 books this year. Und selbst reißt man sie immer wieder, diese Hürde. Ein merkwürdiges Phänomen stellt sich ein: ein schlechtes Gewissen gegenüber den Figuren. Den Schriftstellern kann es egal sein, wenn man sie nicht liest, die Bücher sind ja bezahlt. Aber was sagt Leyla dazu, die Protagonistin aus dem gleichnamigen Roman von Feridun Zaimoğlu? Ihr Schicksal ist schwer genug. Und dann schaue ich auch noch weg – weil irgendwas dazwischen kommt? Ach Leyla, verzeih mir…

Der Literaturwissenschaftler dagegen sagt: Was sollen sie schon sagen? Nichts sagen sie. Sie existieren ja nicht wirklich, nur auf dem Papier. Bloße Textkonstrukte, das sagt schon das Wort: Figur, von lateinisch figura – Gestalt, aber auch von fingere – vortäuschen. Es hat keinen Sinn, wenn man Worte auf Papier behandelt wie wirkliche Menschen. Zwar ist es nicht unwahrscheinlich, jemanden wie Leyla zu treffen. Und Zaimoğlu hat sich beim Schreiben sogar an seiner Familie orientiert. Und trotzdem: Leyla ist nicht weniger ausgedacht als Alice im Wunderland oder Frodo Beutlin.

Aber man kommt nicht dagegen an, der Verstand füllt die Leerstellen auf. Die Figuren purzeln aus den Büchern, klopfen sich den Staub von den Kleidern. Eine neue Geschichte entsteht. Und wenn man dann noch mehrere Bücher gleichzeitig nicht liest, wird es richtig interessant. Zum Beispiel Truman Capotes Grasharfe und Langer Samstag von Burkhard Spinnen. Dann treffen sich die Hauptfiguren und halten Kaffeekränzchen ab. Leyla, Collin Fenwick und Ulrich Lofahrt plaudern bei gedecktem Apfelkuchen und teufeln auf den faulen Leser ein. Schlimm, dass er es nicht packt, sagt Lofahrt. Collin ist merkwürdig still. Und Leyla gibt die Hoffnung nicht auf.

Ob er es jemals packt? Es ist ein Nachwort im Kopf, ein Drama: manchmal ein Trauerspiel, manchmal eine Komödie. Wissenschaft ist das nicht. Man könnte sagen: Es ist ein Freundschaftsdienst an einer Handvoll Worten. Und damit Quatsch, sicherlich. Aber es ist Quatsch, der einen inniger lesen lässt als die Werkzeuge der LW. Mit den Mikroskopen, Bohrern, Zoom-Objektiven aus dem Lehrbuch bringt man meistens etwas zutage. Aber dem Text und seinen Figuren gegenüber verpflichtet fühlt man sich dadurch nicht.

Im Übrigen: Ich habe es dann doch geschafft. Alle drei. Und ich bin sicher: Selbst wenn nicht, gelästert hätten sie trotzdem niemals. Das hätten sie nicht übers Herz gebracht.

Bild: El sueño de la razón produce monstruos (Francisco de Goya)

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Das Ende der „Adventures“

Geschichten zu erzählen, ist ein Erfolgsmodell. Alle lieben sie, sie ziehen uns in ihren Bann. Und manchmal sind sie so erfolgreich, dass sie das Prinzip des Erzählens selbst zerstören.

 

Es geht um Adventures. Aber der Reihe nach. Was ist das überhaupt, ein Adventure? Es gibt viele Definitionen. Eine ist: Ein Adventure ist ein Genre von Computerspielen, in denen man eine Geschichte miterlebt, den Helden/die Heldin steuert. Mit der Maus sucht man den Bildschirm ab und sammelt per Klick Gegenstände ein, kombiniert sie oder spricht mit Personen, um Informationen zu kriegen. Wichtig ist dabei: Es ist keine Geschicklichkeit nötig.

 

Dadurch grenzt sich das Adventure von Shootern oder traditionellen Jump&Run-Spielen ab. Adventures halten einen bei der Stange. Nicht, weil man endlich ein schwieriges Level geschafft oder einen Zwischenboss besiegt hat. Man bleibt dabei, weil man wissen will: Wie geht die Geschichte weiter?

 

Die Entstehung dieses Genres ist eng mit der Firma LucasArts verbunden, quasi ab der 1980er Jahre das Apple der Adventure-Industrie, nur cooler und nicht so milliardenschwer. Selbst die schlechtesten Spiele von LucasArts waren der Konkurrenz immer um eine Nasenlänge voraus.

 

Und die Besten? Sind heute noch unerreicht und stilprägend. Da ist zum Beispiel Monkey Island, das als Inspiration für die Filmreihe Fluch der Karibik gedient haben muss. Da sind Grim Fandango, Day of the tentacle und Sam&Max. Wer Lust auf Geschichten hatte, bekam von LucasArts schräge Charaktere in noch schrägerer Szenerie geliefert. Und einen riesigen Zitatenschatz, aus dem sich die Spieleindustrie bis heute bedient.

 

Und trotzdem: Das Genre ging unter. Nie wieder kam ein Spiel an diese frühe Blütezeit heran. Warum ist das so? Warum wendeten sich die Leute von den tollen Geschichten ab und hirnlosen Schießereien zu? Diesen Fragen geht Ian Danskin in seinem sehr sehenswerten Video Who shot Guybrush Threepwood? nach.

 

 

Die Antwort, kurz und knapp: Shooter wurden interessant, weil sie durch bessere Technik besser wurden. Für Adventures änderte sich durch bessere Technik nie etwas Grundlegendes. Sie entwickelten sich nicht. Sie blieben einfach gleich.

 

Das ist natürlich schade, aber es ist auch tröstlich. Denn Adventures entwickelten sich natürlich nicht, weil sie es nicht mussten. Ihr Prinzip war seit jeher das ausgereifteste: Was gibt es Schöneres für Menschen als eine spannende Geschichte? Daran lässt sich nicht rütteln. Die 3D-Shooter konnten sich entwickeln, weil sie eben Entwicklungspotenzial hatten.

 

Das Problem ist nur: So gut wie alle Computerspiele arbeiten heute narrativ. Früher reichte die Aufforderung „Verteidige deine Stadt gegen Aliens!“ und schon hüpfte man grobe Pixelhaufen kaputt. Heute braucht es bessere Rechtfertigungen. Stupides Münzeneinsammeln motiviert niemanden mehr. Menschen wollen Geschichten. Shooter wie Mafia und GTA sind aufwendig inszeniert, wie Kinofilme. Und am deutlichsten macht das ein Spiel wie Thomas was alone. Eigentlich ist es ein banalas Hüpf- und Knobelspiel. Die Protagonisten sind geometrische Formen, erhalten aber Eigenschaften und Persönlichkeiten und interagieren miteinander. Mit einer Geschichte werden eben selbst Rechtecke interessant.

 

Wer früher eine gute Geschichte am PC erleben wollte, musste auf Adventures zurückgreifen. Sie hüteten das Privileg des Geschichtenerzählens. Doch heute ist ihnen das abhanden gekommen. Menschen wollen Teil einer Geschichte sein und heute sind sie das in allen Computer- und Konsolenspielen.

 

Sich bei anderen Künstlern oder Werken umzuschauen und das beste für sich zu übernehmen und neu zu kombinieren: Das ist eine Technik, die sich in allen Künsten schon immer bewährt hat. Adventures reagieren ja in gleicher Weise. Meistens bedienen sie sich aber im Actionlager. Das misslingt meiner Meinung nach. Es sorgt nur für kurzen Nervenkitzel, ersetzt aber nicht den Reiz einer sorgsam strukturierten, gut erzählten Geschichte.

 

Dear Esther etwa ging ganz neue Wege. Das ist doch langweilig!, sagten viele. Naja, vielleicht. Eine ganze Kulturform neu zu beleben und zu reformieren, ging ja noch nie über Nacht.